Dort nicht weit stand ein Wassertrog, der war aus Föhrenholz, es klebte noch die dicke, gefurchte Rinde daran. Melchior ging zum Troge, trat mit der Schuhferse ein Stück Rinde davon und begann mit seinem Taschenmesser an diesem Stücke zu schnitzen.
Er schnitzte, murmelte, pfiff, sang dabei Schelmenlieder aus dem Untergäu. Und endlich war das Ding fertig. Er hub es mit der rechten Hand ein paar Schuh weit von sich in die Luft hinaus, drückte ein Auge zu und mit dem andern lugte er so d’rauf hin. Gut gerathen war’s, ein Vögelchen spitzte die Stoßfedern, hob das Köpfchen, sperrte das Schnäbelchen auf. Ja, so schnitzen aus Föhrenrinden, das hat er schon als Knabe gelernt, das bringt Keiner so zu weg, wie der Melchior. Aber die kleine Magd mit dem gelben Haar, wird sie ihn schließlich nicht gar ausspotten, daß er ihr für das nette Lebkuchenherz nichts zu bieten weiß, als so ein hölzernes Dingelchen da? Sie kichert und lacht so gern, das hat er schon gesehen... Sie soll aber nicht kichern und lachen über ein Andenken, das ihr Melchior giebt, sie soll sehen, wie tief in’s Herz hinein ihn ihr Lebkuchen gefreut hat, sie soll merken, wie er das Lebkuchenherz verstanden hat, sie soll wissen –
Was nur soll sie wissen?
Der Melchior hat an seiner Halsschnur ein messing Marienbildchen und ein silbernes Ringlein hängen. Das Marienbildchen hat er von seiner Mutter – Gott schenk’ ihr die himmlische Freud’. Das Ringlein hat er von einem frommen Kapuziner, der einmal mit einer großen Blechbüchse in’s Haus gekommen ist und dem die Mutter um Gotteswillen einen schweren Klumpen Rindschmalz in die Blechbüchse gelegt hat. Der Pater hatte mancherlei Schätze bei sich und aus Dankbarkeit für den Klumpen steckte er dem Knaben ein funkelndes Silberringlein an den Finger. Der Finger war bald zu groß gewachsen, da kam der Ring an die Halsschnur.
Der Melchior dachte daran, nahm seinen geschnitzten Vogel wieder zur Hand und schlitzte ihm den Bauch auf. Eine tiefe Spalte nämlich schnitt er in das hölzerne Thier; dann that er das Ringlein von der Schnur, rieb es ein Weilchen an der blauen Leinwandhose, bis es in der Sonne wie Gold funkelte, that es dann in den Spalt und verklebte diesen sorgsam mit Splitterchen.
„Jetzt, Rothkröpfel, ist auch ein Herz in dir!“ rief er lustig, „jetzt bist schon recht für die Rothkitteldirn!“
That das Vöglein in seinen Hosensack, rief der grasenden und scherzenden Heerde zu: „Viel Glück auf der Hinteralm und stoßt euch kein Hörndel ab und – das Sennermägdle, das laß’ ich von weitem schön grüßen!“ und ging davon.
Ueber die stundenlange Schneide des Rochusberges ging er hinaus.
Hier auf der Höhe – wo ihm nicht der geizige und nergelnde Müller mit seinem ewigen Brummen und Befehlen zur Seite war, wo er seine schlanken Beine einmal fest und sicher in den Boden setzen, seine hohe Brust einmal ordentlich hervorkehren, sein Haupt einmal keck in die Höhe heben konnte, wo er seinen klaren Augenblick einmal trotzig, lebensfreudig in’s Weite schießen lassen wollte, wo jeder Athemstoß ein Jauchzen wurde – machte er Halt. „Es ist Platz für mich, und wenn ich einmal doppelt werde, Platz genug!“ – da hätte man’s sehen können, was der ganze Bursche für ein prächtiger Kerl war.