„Habt Ihr den Ehrlich-Schmied vom Untergäu gekannt, Bauer?“
„Den Alten noch, hat mir ja im Eismonat meine Ochsen beschlagen, wenn ich Fuhrwerk im Thal gehabt!“ sagte der Hochweider, „hat seinen Namen nicht umsonst getragen, ist ein Ehrenmann gewesen.“
Der Melchior stieß einen tiefen Athemzug aus der Brust. – „Ah!“ sagte er sich aufrichtend, „jetzt Bauer, jetzt red’ ich mich leichter. Der Ehren-Schmied, der alte, von dem Ihr da sagt, der ist mein Großvater gewesen. Als so ein Bübel bin ich noch auf seinem Knie gesessen. Alle Leut’ haben mich den Ehren-Schmied-Buben geheißen, in der Schul’ bin ich der Ehren-Schmied-Melchi gewesen, wir haben uns ja auch Ehrlich geschrieben. D’rauf, wie mein Vater die Wirthschaft übernommen hat, ist’s abwärts gegangen. Meine Mutter, die ist gut gewesen, rechtschaffen gut, sie hat mehr an die Armen verschenkt, als es hätte sein sollen, und das hätt’ sie doch nicht thun sollen, daß sie von der Wirthschaft heimlich Korn und Speck und Fleisch verkauft hat. ’s ist bitter für mich, zu sagen, der paar Groschen wegen ist’s ihr zu thun gewesen. Wie das Sprüchel sagt: das Weib kann mit der Schürze mehr aus dem Haus tragen, als der Mann mit dem Erntewagen einfährt. Ganz und gar sind wir verarmt. Mein Vater ist mit traurigem Gesicht im Hause umhergegangen, die Arbeit hat ihm nicht mehr schlaunen wollen; wär’ sie schon umsonst, so hätt’ er keine Freud’ mehr zu ihr. Ein Terno in der Lotterie gewonnen, könnt’ wohl noch retten! Hat viel simulirt, mein Vater, wie er nur wieder zu Geld kommen könnt’. Da ist einmal ein mühseliger Hausirer in unserm Hause über Nacht geblieben, in derselben Nacht erkrankt und so hat mein Vater den armen Mann, um den sich sonst Niemand hat wollen annehmen, unter seinem Dach behalten und meine Mutter hat ihn wohl um Gotteswillen fleißig gewartet. Nach vier Monaten ist der alte Mann bei uns gestorben. In aller Still’ haben wir ihn auf den Kirchhof getragen, wie ein Bettelmann schon begraben wird. D’rauf, wie mein Vater das Sterbebett aus dem Stübel tragen will, findet er im Strohsack in ein blaues Tüchlein gewickelt – Geld. Ich, der junge Bub, hab’s erst viel später erfahren, es sollen an die neunzig Gulden gewesen sein. Jetzt Hochweider, wenn Einen die Gnad’ Gottes jah verläßt!... Baargeld! Wer hätt’ so was beim Bettelmann gesucht? Wer frägt danach! Keine Schrift, kein einzig Wort ist laut. Und die Krankenpflege hat Müh’ gemacht und die Kost und die Medicin hat Geld gekostet, wie kann’s denn eine so große Sünd’ sein, die kleine Baarschaft da in aller Still’ für’s Haus zu verwenden! – So wird’s meinem Vater halt in den Kopf gekommen sein. Auf das geht eine Weile hin, steigt der Gerichtsdiener in die Ehren-Schmiede. Ja, der ist wohl auch sonst zuweilen gekommen, aber diesmal wird mein Vater todtenblaß. Er muß vor’s Gericht, muß sich ausweisen, was es mit dem Gelde ist, das er im Strohsack des Hausirers gefunden! – Eine Magd in unserm Haus, die dahinter gekommen, hat’s verrathen; mein Vater hat auf das erste Wort Alles gestanden, er hätt’ nicht vorgehabt, den Fund beim Amte anzuzeigen, hätt’ ihn für die Mühen und Auslagen im Haus behalten wollen. Jetzt, Hochweider, haben sie den Ehren-Schmied eingesperrt.“
Diese letzten Worte hatte der Melchior nur so vor sich hingemurmelt und hatte dabei stark mit den Schuhen auf den Fußboden geklopft. Seine Wangen waren hochroth, seine Augen blinzelten und richteten sich zu Boden. Der Bauer von der hohen Weid saß ruhig auf seiner Hanselbank und schnitt und hobelte und hielt den Balken wagrecht vor sein prüfend Auge hin, ob er wohl schon gleich und glatt genug sei.
„Mit dem Andern,“ sagte der Bursche jetzt, „will ich warten, bis Euer Holz fertig ist, Bauer.“
Da ließ dieser von seiner Arbeit ab und versetzte: „Wie Du siehst, bearbeite ich das Holz mit den Händen und nicht mit den Ohren.“
„Der Ehren-Schmied-Sohn muß es leiden, wie man ihm zuhört,“ sagte der Melchior und schlug wieder auf seine Schenkel. „Mein Vater, der ist nach wenigen Wochen im Gefängniß gestorben, nicht lange darauf auch meine Mutter. Die Schmiede ist in fremde Hände gekommen. Meinen älteren Bruder, viel gescheidter und anstelliger als andere junge Leut’, hat der Oberförster Tarnwald zu sich genommen. Der Kilian, hat es geheißen, hätt’ lieber studiren und ein Baumeister oder Maler werden sollen, er hat manchmal allerhand so Zeichnungen gemacht. Um mich, den einfältigen und noch kleinen Jungen hat sich Niemand kümmern wollen und Verwandte wissen wir in der ganzen Gegend keine aufzuweisen. Da hat mich der Müller genommen. Beim Müller hab ich gezogen wie ein Ochs, getragen wie ein Esel, sieben Jahr’ lang. Das ist auch in der Ordnung gewesen, ich hab’ meine geraden Glieder und ich will gern arbeiten. – Da geht Euch vor etlichen Tagen auf einmal das Gerede, die neuen, falschen Banknoten, die in der Gegend umliefen, hätt’ der Forstjung Kilian Ehrlich gemacht! – Keiner hat gefragt, ob’s wahr, Jeder hat’s geglaubt auf’s erste Wort. Ehrlich! haben sie geschrien und hell gelacht – die braven Ehren-Schmiedleut! Das Weib hat den Mann bestohlen, der Mann hat den armen Hausirer ausgeraubt, der Sohn ist ein Fälscher geworden – ist eine nette Bande. – – Die Ehrabschneider! die Teufelsleut’!“ Die Worte blieben dem Burschen im Halse stecken, seine Fäuste bebten auf den Knieen und der Hochweider, der nur so hinblinzelte auf sein Gesicht, sah das schäumende, knirschende Antlitz eines Rasenden.
„Und ganz recht haben sie,“ sagte später der Melchior scheinbar ruhig, „der Wahrheit kann man nicht auf den Mund schlagen. – Nur daß Ihr’s wißt, Bauer, wie wir zugrunde gerichtet sind. – Und –“ jetzt sprang er auf, „das verfluchte Geld ist Schuld an meiner Mutter, an meines Vaters, an meines Bruders Verderben. Und gestern, wie uns der Kilian zwischen den Gendarmen unten an der Leuten begegnet ist, da hab’ ich bei mir den Schwur gethan: mein Lebtag nicht einen Heller will ich haben von dem vermaledeiten Geld, das die braven Leut’ umbringt!“
Der junge Mann schlug sich die beiden Hände in das Gesicht und kam in ein Schluchzen, das den ganzen Körper schüttelte.
Der Hochweidhofer erhob sich langsam und sagte, „Melchi, Du bist ein braver Bursch! Dich wird auch das Geld nicht verderben, wenn Du nur erst eins hast.“