„Wie der Will,“ fuhr der Melchior dazwischen, „den Geldleuten, den Rechtschaffenen, wie den Lumpen, allen will ich zeigen, wie man ohne einen einzigen Pfennig in der Tasch’ durch die Welt kommen und der Ehrlich bleiben kann. Und die Untergäuer sollen sehen, daß das Blut vom alten Ehren-Schmied noch lebt!“
Solcher Sinn gefiel dem Bauer von der hohen Weid. Er hätte aber nicht geglaubt, daß dieser Junge, dem er manchen Vagabunden an den Kopf geworfen hatte, so denken und seine Worte so gesetzt und rechtschaffen vorbringen konnte. Er hätte ihm mögen die beiden Hände fest drücken, doch besann er sich noch früh genug, er sei der Bauer von der hohen Weid, und so sagte er nur: „Melchi, bist ein wackerer Bursch; aber was Du mir da erzählt hast, das weiß ich schon seit drei Stunden. Ich hab’ vom Müller im untern Gäu Deine Siebensachen und Deine Papiere holen lassen und da ist mir gesagt worden, wie’s mit Dir und den Deinigen steht. Der Müller hat mir freilich berichten lassen, daß einem Menschen, der eine solche Verwandtschaft weist –“
„Nicht zu trauen ist!“ ergänzte der Melchior. „Ja, das wird er gesagt haben, ich kenne den Müller. Will’s Euch nur noch erzählen, Bauer, warum ich ihm aus dem Haus gegangen bin, das hat er Euch sicher nicht berichten lassen. Gestern in aller Frühe, weit ehe noch die Sonne auf ist, kommt er in die Kleienkammer, wo mein Bett steht. Ich will gleich aufspringen, ’s giebt viel Arbeit im Tag. – Nu, nu, Melchior, sagt der Müller, was wirst denn schon jetzt aus dem Nest steigen, ’s ist ja Zeit, schläft noch das ganze Haus. Hab’ Dir nur was sagen wollen, Melchior. Wirst es wissen, vor ein paar Wochen, in der Mariaheimsuchungnacht, ist dem Gutsverwalter unten der Fischbehälter ausgeplündert worden. Und jetzt ist die Sach’ so angestellt, daß ich auch in die Schmier hineinkommen soll. Ich will die vielen Laufereien zu Gericht nicht haben und deswegen, Melchior, ’s kann sein, daß Du gefragt wirst – weißt Melchior, ich muß einen Zeugen haben, daß ich in der Mariaheimsuchungnacht zu Haus gewesen bin. – Den Zeugen muß halt die Frau Müllerin machen, sag’ ich. – Geht nicht, sagt der Müller, Eheweiber werden nicht angenommen. Aber bei Dir ist’s was Anders, Du wirst es ja wohl wissen, daß ich in derselben Nacht daheim gewesen bin. Du brauchst ein neues Paar Stiefel, Melchior, soll gar keinen Umstand haben, und es bleibt jetzt dabei, Du bist mein Zeug’, daß ich in der Heimsuchungnacht in der Mühl’ gewesen bin. – Ich kann der Zeug’ nicht sein, Müller, sag’ ich, ich weiß ja gar nicht, ob Ihr daheim gewesen seid, ich hab’ fest geschlafen. – Bist sieben Jahr’ in meinem Haus gewesen, sagt drauf der Müller, hab’ Dich als armen Waisen aufgenommen, wie Dein Vater im Arrest gestorben ist; hab’ Dich allerweil wie mein eigen Kind lieb gehabt, wirst mir nicht undankbar sein, Melchior. – Ein falsches Zeugniß geb’ ich nicht! schrei ich auf. Da thut der Müller einen Lacher: – Schau das Galgenbandl! will den Gewissenhaften spielen! – Hochweider, wie ich das gehört – hell mutternackt bin ich aus dem Bett gesprungen. – Weil sich die Meinen vergangen haben, so willst mich auch zum Schurken machen, Müller! ruf’ ich aus. – Marsch aus meinem Haus! schreit er aufgebracht. – Heut’ lieber wie morgen, sag’ ich, werf’ meine Kleider über und lauf davon. Er ruft mir noch viele gute Worte nach, ich sollt’ nur bleiben, ’s wär Alles vergessen. Hab’ davon nichts mehr verstehen mögen; bin fortgesprungen, bin herumgegangen auf der Haid, Hochweider, dann habt Ihr mich angerufen.“
Der Bauer hatte längst nicht mehr am Holze geschnitten.
„Melchi,“ sagte er jetzt, „’s hat Alles den rechten Schick, wenn Du von Deinem alten Dienstherrn noch was wissen willst: den Müller haben heut’ die Gendarmen geholt.“
„Der Müller geht mich nichts mehr an,“ sagte der Bursche trotzig, „hab’ mit mir selber zu thun. Jetzt sagt es, Bauer, wollt Ihr mich in Dienst nehmen oder nicht?“
„Wie Du bist,“ versetzte der Bauer, „so wirst Du Dienstplätze überall finden. Willst auf der hohen Weid verbleiben, so ist’s abgemacht, bin ich mit meinem Knecht zufrieden, so soll’s auch er mit mir sein; da hast dieweilen Dein Angeld.“
„Bauer! ich leiste was ich kann und Ihr gebt mir, was ich brauch!“
Nicht einen einzigen Blick warf er auf das ihm vorgehaltene Geld, der Hochweidhofer mußte es wieder einstecken.
Hierauf ging der Melchior in die Gesindestube, um sein Mittagsmahl zu verzehren.