Der Bauer kam ihm nach: „Noch was will ich Dir sagen, Melchi, meine Leut’ wissen es nicht, daß Du der Bruder vom Forstadjuncten bist, sie brauchen es auch nicht zu wissen.“

In demselben Augenblick wankte draußen vor den Fenstern die geknickte Gestalt des Remini Dreihand vorüber. Unter der rechten Achsel, wie man sonst die Regenschirme trägt, trug er heute ein Schießgewehr bei sich. Der Bauer lachte laut über diese Figur, da krächzte der Remini durch ein Fenster: „Hab mich bezahlt gemacht. Vom Forstadjuncten ist’s; ein feiner Doppelstutzen! Ist mehr werth als der falsche Zehner!“

„Ha, das glaube ich!“ rief der Bauer, „Mancherlei wiederum ist keinen Schuß Pulver werth. Gieb acht, Remini, daß der Stutzen auf Dich selber nicht losgeht!“

Die Wirthschaft auf der hohen Weid wird hier nicht näher beschrieben. Die Thiere pflegen und hüten, die Ställe in Stand halten, die Scheunen mit Heu und Streu füllen, die Milch, Butter und Käse bereiten, das waren die Hauptbeschäftigungen der Leute, die daran jahraus jahrein übergenug zu thun hatten.

Es ist eine seltsame Stimmung im Hirtenhause. Lustigkeit, Leichtlebigkeit, Uebermuth, Trotz, Unbändigkeit und Ungezwungenheit allerwärts – wie’s eben geht, wo Mensch und Vieh zusammen sich des Lebens freuen. Den Hochweidbauer ficht das nicht an; wenn nur die Wirthschaft ihren guten Lauf hat und Jeder seine Arbeit thut, alles Andere mag gehen, wie Gott es will. Der Herr Pfarrer im Untergäu hat freilich einmal zu verstehen gegeben, er, der Bauer auf der hohen Weid, wie überhaupt jeder Hausvater, sei nicht allein für das leibliche Wohl seiner Hausgenossen, sondern auch für deren Seelenheil verantwortlich. Darauf hatte aber der Bauer in seiner vollen Ungeschlachtheit geantwortet: „Ja, sakra! wenn jeder Hausherr selber Seelsorger sein soll, wozu brauchen wir dann die Pfaffen! – Ich laß meine Leut’ in die Kirche und zur Beicht’ gehen, so oft das vorgeschrieben ist, das Weitere geht mich nichts an.“ Gleichwohl that der Mann in seiner Gewissenhaftigkeit ein Uebriges, er sah immer darauf, daß die Mannspersonen seines Hofes stets um fünfundzwanzig Jahre älter waren, als die Weibsleute. Dadurch regelte sich Vieles. Ferner hatte der Mann von der hohen Weid auch die Vorsicht, des Nachts stets einen oder zwei Rundgänge durch und um das Gebäude zu machen, schon des Feuers, der Diebe, der Ordnung in den Stallungen wegen. Auch wurden zur Nachtszeit die zwei großen Kettenhunde losgelassen.

Ob der Bauer, als er den noch nicht neunzehnjährigen Melchior Ehrlich in’s Haus genommen, seine Regel vergessen hatte, oder sie absichtlich umging, läßt sich nicht bestimmen. Er fand eben Gefallen an dem kernigen Burschen und dachte, es könne nicht schaden, daß in sein schläfriges oder leichtfertiges Gesinde einmal ein wenig Sauerteig käme.

Dem Melchior jedoch, dem ging es ganz eigen. In den Geschäften, denen er zu obliegen hatte, stellte er seinen Mann, mitunter sogar seinen doppelten; auch war er sich bewußt, daß er stets gute Courage in der Brust fand, wollte er was durchsetzen. Und trotzdem – und dennoch – er war nun schon drei Wochen im Hof auf der Weid und er wußte noch immer nicht, was die kleine Buttertoni eigentlich für ein Gesicht hatte. Wenn sie an ihm vorüberlief, oder er an ihr hinstreifte, oder wenn sie sich von einer Futterkammer in die andere irgend einmal ein paar schalkhafte Worte zuriefen, so glitt sein Blick wohl an ihren stets sauber gehaltenen Barfüßchen hin, an den Waden, am rothen Kittelchen empor, bis wo die Masche des Schürzenbandes ist, kam aber nicht höher, als bis zum obersten Busenhäklein, wo zuweilen auch eine kleine, wilde Rose stak, mit sammt den Dörnchen aber, so daß der alte Ochsenwart, wenn er, anmaßender als der Melchior, mit seinen kartoffelbraunen Knochenfingern nach derselben langen wollte, sich allemal recht tüchtig stach.

Und von dieser Unkenntniß ihres Angesichtes stammten die unsinnigen Träume, die den jungen Untergäuer fast jede Nacht umgaukelten. Er sah die glatten, runden Füßchen, das schmiegsame Kittelchen, die strammgespannten Busenhäklein, das gelbe Lockenhaar, welches gern in wilden Strähnen niederhing über den Nacken – sah das Alles fein und genau, aber das Gesicht hatte eine ellenlange Nase, auf welcher graue, kurzgeschnittene Haare standen, wie auf dem Haupte des Sennermägdle.

Als nun aber der Melchi, wie er im Hofe stets genannt wurde, an der Butterkammerthür ein Bohrloch entdeckt hatte, und mehrmals des Tages, wenn ihn sein Weg just vorüberführte, davor stehen blieb und durch dasselbe die junge Butterin betrachtete, auch vom Busenhäklein aufwärts betrachtete, da gestalteten sich die Träume freundlicher.