Die kleine Buttertoni, die Rothkitteldirn, hatte ein gar nettes Lärvchen. Die frischrothen Lippen legten sich nach oben und unten ein wenig heraus, wie die Blättchen einer Rose anfangs thun, ehe sie sich erschließen; sie waren immer ein bischen offen, und wenn das Mädchen kicherte, da sah man, was es für frische Zähne hatte. Das Näschen war hübsch aufgeschweift, die Augensterne duckten sich halb unter den langen Brauen, als wollten sie mit wem Verstecken spielen. Wenn die Brauen aber doch mitunter emporgezogen wurden, so zitterte ein ganz seltsamer Thauglanz über den blaugrauen Augen, vor dem der Melchi erschrak. Die kleine Toni verhielt sich selbstverständlich durchaus ungenirt in ihrer Butterkammer, das Kübeltreiben macht warm; da that sie das Jöppchen mehrmals so weit auseinander, daß der Melchi durch das Bohrloch alle Flicken ihres Pfaidleins gesehen hätte, wäre er nicht rechtzeitig mit einem Stöpsel aus Fichtenmoos in das Loch gefahren, um dieses seinen und auch anderen Augen gründlich zu verstopfen.

Daß der Bursche unter so ängstlichen Stimmungen bisher nicht dazu gekommen war, der kleinen Toni als Gegengabe für das Lebkuchenherz den föhrenrindenen Vogel anzubieten, ist erklärlich. Oft genug wollte er’s thun, hatte aber nicht die Schneid dazu. Da fiel es ihm eines Tages ein: die Rothkitteldirn solle sich den Vogel selber nehmen, wenn er ihr gefiele. Er stellte ihn auf ihr Kammerfensterchen; aber da blieb er stehen und sie sah ihn nicht. Hingegen bemerkte ihn der kleine Nickerl und dieser verband sich mit dem Fritz, dem jüngern Sohn des Hauses, um den possirlichen Vogel vom Fenster abzunehmen. Noch rechtzeitig kam der Melchi der Verschwörung dahinter, steckte den föhrenrindenen Vogel wieder in seinen Hosensack und trug ihn herum wie vor und eh.

Da trug es sich zu, daß der Bursche einmal beim Erlbuschhacken zur Stallstreu ein Loch in seine Hose riß, gerade über den Hüften. Er kam des Abends heim mit der Bitte: „Du, kleine Toni, gelt, Du bist so gut und heilst mir den Riß da mit Zwirn und Nadel zu?“

Sie lachte hell und kam sogleich mit dem Werkzeug herbei. „Na, Du mußt Dich auf die Kübelbank setzen, sonst wackelst mir allzuviel hin und her. So! und jetzt halt still und rühr’ Dich nit. Bübel weißt, die Nadel beißt.“

„Stich zu,“ sagte der Bursche, und jeder Stich ging ihm heiß durch Mark und Bein, es war ihm gerade, als nähe die Rothkitteldirn sein Herz an das ihrige fest.

„Wirst einmal ein sauberer Soldat, Du,“ sagte die Butterdirn.

„Mag keiner werden,“ versetzte er trotzig, „mir steht das Leutumbringen nicht an. Schau um, Leut’ sind zu wenig, Geld ist zu viel.“

„Grad verkehrt hast es gesagt,“ bemerkte die Butterdirn.

Der Melchior schwieg und gab sich der ganzen wohligen Empfindung des Zunadelns hin.