Der Herbst bringt im Gebirge immer die schönsten Tage des Jahres. An einem solchen Tage war es, als sie herabkamen gegen den Hochweidhof, die braunen, weißbesprenkelten Rinder mit den Schellen und mit den Kränzen aus Rhododendronlaub, Enzian und Zirmgesträuche. Um die Stirn hatte Jedes seinen Strauß; die hoffnungsvolleren Kühe hatten auch Kränze um den Hals, grünes Gezweige um die Hüften geschlungen. Und der Stier aus dem Untergäu schon gar! Der mußte sich zu allseitiger Befriedigung aufgeführt haben, er sah schier aus wie ein wandelnder Rosenstrauch. Waren diese blauen, weißen und gelben Blumen und Rosen, die er um seinen Leib gewunden trug, denn alle auf der herbstlichen Alm erblüht?
Ein paar schäkernde Ziegen machten sich viel um ihn herum zu thun und erhaschten dann und wann ein Maul voll Bocksbartkraut und wilden Thymian, mit welchem der Stier geschmückt war.
Zahlreiche Senninnen, junge und minder junge aus der ganzen Gegend waren dabei und Jede hatte vorne ihre Schürze zu einem Sack aufgebunden und aus diesem Sacke vertheilten sie an die Mannsleute kleine Käsekuchen und Butterkrapfen. Mancher von den Mannsleuten war freilich so keck, sich mit eigener Hand das Kräpflein aus der Schürze zu holen, was aber nicht Jede ungestraft geschehen ließ. Auch einige der Almerinnen hatten freundliche Rosmarinkränzchen auf den Locken; blos das Sennermägdle von der Hinteralm hatte nichts als einen ungeheuren Strohhut auf ihrem geschorenen Haupte. Auch sie hatte Krapfen im Vortuch, doch wollte Keiner d’rum kommen, nur der alte Remini Dreihand fand sich ein und aß ihr den ganzen Schürzeninhalt auf. Die Alte ließ es geschehen und machte dieweilen Feuer mit Stein und Zunder und paffte aus ihrem Pfeifchen.
„Dieses Weib wär’ mir nicht halb so widrig, wenn es nicht das Sennermägdle heißen thät,“ vertraute der Melchior dem höckerigen und kropfigen Ochsenwart.
„Je!“ rief dieser, „der Name ist noch das Beste an ihr.“
„Das schon, aber probir’s nur Du und heiße das schöne Hänschen; Alles wird Dich auslachen und spotten; und so Du der alte, bucklige Hans bist, geht Jeder ernsthaft an Dir vorbei. Aber sag’ mir doch, wer hat denn der Alten den närrischen Namen gegeben?“
„So viel ich weiß,“ sagte der Ochsenwart, „hat sie den selber mit sich gebracht, als sie vor vierzig oder fünfundvierzig Jahren aus dem Kärntnerland zu uns auf die hohe Weid gekommen ist. Sie ist eine gar brave Almerin, Melchi! Du, die kann mit dem Vieh umgehen! Nicht drei Stückel sind ihr verdorben, so lang’ sie bei uns auf der Alm ist. Nu, das Sennermägdle ist ihr verblieben aus Gewohnheit. Vor drei oder vier Jahren hat sie der Bauer einmal die alte Froni genannt, so heißt sie. Hat auf das hin aber den Dienst wollen aufsagen auf der Stell’. Ist sie seitdem halt wieder das Sennermägdle.“
Als der Bauer von der hohen Weid an diesem Tage gesehen hatte, wie frisch, glatt und wohlgenährt seine Heerde von der Hinteralm zurückgekommen war, da hieß er das Sennermägdle zu sich in den Streuschupfen treten und drückte ihm drei funkelnagelneue Thaler in die Hand.