Nach dem Essen, als Waberl im Stall und am Herd fertig war, brachte sie einen Strohschaub und einen Bund Weidenruthen in die Stube. Daraus flocht sie Brot-, Zeug-, Näh- und Strickkörbe, die sie recht geschickt und zierlich zu formen verstand und welche für den Winter ihren Erwerb bildeten. Weit draußen, wo die hohen Berge aufhören und die Mürz fließt, wachsen die Weiden, und Mirtl brachte, wenn er von der „Rait“ kam, immer einen Bund davon mit.

Die Kinder mußten Späne klieben und das Mädchen versuchte sich mitunter auch im Flechten, was aber immer viel zu locker wurde, weil seine Finger noch zu schwach waren. Der Hansl machte sich an die Großmutter; sie sollte wieder Märchen erzählen, oder sonst was, sie konnte so schön, daß man sich gar nicht satt hörte, und die Kinder aufjubelten oder sich nach Umständen wohl gar zu fürchten anfingen.

Die Großmutter wußte Sachen, die sich in der Gegend zugetragen hatten.

Wie’s draußen aussah, das wußte sie freilich nicht; sie war ihr ganzes Leben in diesem Thale und kam nie weiter, als in’s Dorf und zur Kirche hinaus. Nur einmal, als sie noch jung war und in Zell eine „Ehrmesse“ (Primiz) gehalten wurde, war sie mit ihrem Manne dort. Das war so weit, daß sie unterwegs einmal bei fremden Leuten über Nacht bleiben mußten. Sonst hatte Großmutter von der Welt nichts gesehen und meinte, es werde auch nirgends so schön und gut sein als daheim im kleinen Thal bei den hohen Bergen. – Ihr Vater soll das kleine Haus vor der Schlucht, deren Felsen vor Wind und Wetter schützten, erbaut und sich von Wurzelgraben ernährt haben. Als er starb, erhielt sie das Häusl und heiratete einen jungen Mann, der oft in die Gegend kam, allerlei Kräuter sammelte und aus den Ameishaufen den „Waldrauch“ herauszog; mit letzterem trieb er Hausirhandel und setzte dieses Geschäft fort bis zu seinem Tod. Es war schon manches Jahr um, seitdem man ihn aus der Hütte fortgetragen hatte, da übernahm der einzige Sohn, der Mirtl, die Wirthschaft.

Aber der Mirtl befaßte sich nicht mehr mit den Wurzeln und Kräutern, sondern machte ein Flecklein Wald urbar, worauf Korn und Erdäpfel wuchsen. Am Bache, wo Wachholder- und Hagebuttensträuche wucherten, haute er diese aus und verbrannte sie an der Stelle, damit durch das Feuer auch die Wurzel getödtet werde. Darauf grub er den schwarzen Grund um und legte Gras- und Kräutersamen hinein, so daß in zwei Jahren fußhohes Futter wuchs. Jetzt brauchte er die Ziegen nicht erst in den Wald fortgehen zu lassen und sie den Gefahren vor Jägern und wilden Thieren oder eines Absturzes auszusetzen.

Wie Mirtl nun seine kleine Wirthschaft im Gedeihen sah, heiratete er ein armes Mädchen von Marwänden herüber, und die junge Hausfrau legte auch noch einen Gemüsegarten an und putzte das Häuschen heraus, daß es eine Freude war.

Da kam eines Tages der herrschaftliche Förster in das Thal und sah sich die Sache an und fragte den Mirtl, wer ihm denn erlaubt habe, hier auf fremdem Grund und Boden so zu wirthschaften. Der Wald und das Thal und Alles gehöre dem Baron von Scharfenthal und die Hütte stände nur aus Duldung da. Wolle er, der Mirtl, hier anbauen, so habe zwar der Baron nichts dagegen, nur müsse er sich zu Robot in den herrschaftlichen Waldungen verpflichten. Das hatte Mirtl zusagen müssen, sonst wäre ihm Alles weggenommen und zerstört worden.

Da nun aber draußen an der Mürz, wo der Baron Werke und Hämmer hatte, viel Holzkohlen verbraucht wurden, nahm der Waldherr Holzleute auf und schickte sie mit glänzenden Aexten in seine Hochwälder.

So hatte auch Mirtl – der nun nicht mehr gezwungen war, bei der alten Mutter zu Hause zu bleiben, weil sie und auch das Hauswesen die arbeitsame Waberl versorgte – im „Schlag“ Arbeit erhalten und erhielt Taglohn. Es that den Leuten daheim in der Hütte recht weh, wenn sie an den Hausvater dachten, der mit Schweiß und Lebensgefahr bei karger Kost die langen Tage draußen waltete und sich opferte für die wenigen Groschen, die er seinem Daheim brauchte, und zum Vortheile eines reichen Mannes, der mit dem abgekargten Lohn des Arbeiters seine Hunde fütterte.