Oh, sie hatten gar nicht daran gedacht, oder hatten geglaubt, er könne in diesem Wetter doch nicht kommen. Es war Niklo, und der heilige Bischof war in der Nacht da gewesen und hatte Aepfel und Lebzelten in die Schuhe gethan und der Großmutter ein schönes, buntes Kopftuch auf das Fenster gelegt. Julerl getraute sich die rothen Aepfel gar nicht zu essen, sie meinte, es sei schade, weil sie im Paradies gewachsen wären. –

Allein, so selige Freude heute auf den frischen Gesichtchen der Kleinen glänzte, so schwerer Kummer lag auf dem Herzen der Hausfrau. In Sorge stand sie mit der Schale Hollunderthee vor der kranken Großmutter und bot ihr zu trinken. Diese trank ein wenig und mußte immer wieder einschlafen, wenn sie geweckt wurde. Sie war so müde. Mitunter lispelte sie leise, daß ihr Sohn kommen möge, und daß ihr kühl sei. Dabei hatte sie eine glühende Stirne und heiße Hände. Waberl legte der Kranken Sauerteig auf, daß die Hitze vergehe. Die Großmutter ließ es geschehen, und einmal sagte sie, wie im Träumen, jetzt werde sie wieder jung und habe rothe Wangen wie vor vielen Jahren, als sie den Josl zum Mann genommen. Er sei zwar schon gestorben, aber sie werde ihn doch wieder nehmen.

Ueber Nacht war sie so geworden, und Waberl wußte sich vor Angst nicht zu helfen, und sie ging in den Ziegenstall und weinte und betete, daß ein Schreckliches doch nicht über ihr Haupt kommen möge. Mit Angst und Hoffnung sah sie dem Samstag entgegen. Wenn doch nur das Schneien aufhörte, daß nicht etwa alle Wege und Pfade – sie wagte das Weitere gar nicht zu denken, – und der Schneefall dauerte fort.

Es waren keine großen, breiten Flocken mehr, die da fielen, nein, es war wie ein dichter Nebel und Staub, was nun niederging, daß man selbst die nächsten Bäume kaum sehen konnte. Das Bänklein vor der Thür war längst unter Schnee, und Waberl meinte bei sich, jetzt müsse es doch bald aufhören, denn über das Bänklein sei der Schnee sonst auch in dem tiefsten Winter selten gegangen. Die zwei Nebenfensterchen in der Stube, die gegen die Schlucht sahen, waren bereits verschneit, und wenn man durch die anderen hinaussah, hatte man die gleiche Schneehöhe mit den Fenstern, so daß der Hansl einmal verwundert ausrief: „Mutter, unser Haus ist in die Erden gesunken!“

So war es Freitag Abend geworden und das Schneien hatte endlich aufgehört. Nun, da man wieder klaren Blick hatte, sah man erst die ungeheueren Schneemassen, die im Sonnenuntergehen gar rosig schimmerten. Fremde Vögel flatterten auf den Bäumen umher, wie man sie sonst nie in der Gegend sah, und sie hatten ein gar eigenes Gezwitscher.

Später wurde es ruhig und es ging der Mond auf. Auch die Sterne sah man; es war eine heitere Nacht.

Waberl saß am Bette der Kranken und blickte traurig auf die abgespannten Züge. Sie schlummerte, nur als jetzt der Mondschein langsam auf ihre Wangen rückte, erwachte sie und lächelte. – „Er sieht mich schon an,“ lispelte sie, „aber er hat ein bleiches Gesicht. – Die Sonne, die möcht’ ich wohl auch noch einmal sehen!“Die Großmutter sagte dieses mit einem Ton, der die arme Waberl schier zum Tode erschreckte. Waberl verhüllte darauf das Fenster mit einem blauen Tuche, daß der Mond nicht so hereinscheinen konnte.

„Gelt, die Kinder schlafen schon?“ fragte dann die Kranke vollständig wach.

Sie ruhten neben in ihrem Bettchen, wie zwei Engelchen hold, und hielten sich umschlungen.

Die Großmutter griff nach der Hand ihrer Schwiegertochter: „Waberl, sei nit traurig; ’s geht Alles gut aus. Noch verlaßt Euch die alte Mutter nit, schau, ich hab Euch ja Alle gern. Bleibt nur so und schaut auf die Kinder, das bitt’ ich Euch! –“