Und am sechsten Tag, als der Himmel blau durch den Rauchfang blickte, wurde es anders.
Waberl hatte es zuerst gehört und athemlos in der Stube verkündet. Dann waren sie Alle in’s Vorhaus gelaufen und hatten es wieder gehört. Dann wurde der Schnee vor der offenen Thür, der früher schwarz war wie die Wand, grau und licht und lebendig, eine Gestalt brach aus demselben hervor und im rosigen Tag stand Er da und fiel seinem Weibe um den Hals. – –
Es war ein freudiges Tagen! – bis Mirtl’s Blick bang umher zu irren begann. – Oben im Vorboden lag sie und vom Wachsstock brannte das letzte Stümpfchen. – Todt schon seit acht Tagen.
Der Holzknecht kniete an der Bahre und hielt die harte, kalte Hand fest umfaßt und starrte lange in das weiße Antlitz: „Mutterl! Das Wildpret war Euch vermeint gewesen, das ich in voriger Woche geschossen; hab’ Euch so lieb gehabt, und jetzt seid’s mir gestorben!“
Und wie der holde Tag durch die Thür strahlte und das harte Weh im Herzen sich aufgelöst hatte in Thränen, gedachte Waberl auch des Fremden. Der stand im Winkel hinter dem Herd. Als ihn der Mirtl sah und wieder ansah und sich die Augen rieb, hat sich das ereignet, was im Schlosse draußen noch heute durch ein großes Gemälde dargestellt wird.
Im Gemälde kniet der reiche und hochedle Baron Franz von Scharfenthal vor einem braunen, bärtigen Holzknecht und umfaßt dessen Kniee und blickt flehend auf in’s rauhe, treue Gesicht.
So hat es der Künstler dargestellt.
Auf der Rückseite des Gemäldes ist ein Fach und in demselben liegt die Urkunde. Sie lautet:
„Im Jahre des Heiles 1846, als der strenge Winter war, hat sich der Freiherr Franz von Scharfenthal auf der Jagd verirrt und sechs Tage und sechs Nächte in einer Holzknechthütte des Hochgebirges bei einer armen Familie, mit welcher er förmlich eingeschneit wurde, zugebracht. Er wäre alldort Todes gestorben, wenn nicht noch zu rechter Zeit der Vater der Familie und Besitzer der Hütte, vulgo Holzknecht-Mirtl, den der Baron einige Tage früher, als dies geschehen, wegen einer kleinen Wilderei auf zehn Tage einsperren ließ, von seiner Haft frei geworden wäre und mit anderen Gebirgsleuten die Bewohner der Hütte gerettet hätte.“