Er blieb verschollen bis auf den heutigen Tag; wer ihn fände, am linken Fuß fehlt ihm eine Zehe, das wäre das Wahrzeichen.

Ihr Mann war auch schon zur Ruhe gegangen. Aber bald nach dem Begräbniß des Gatten merkte sie das neue Leben unter dem Herzen; bangend und hoffend zog sie weiter und bettelte sich durch mancher Herren Länder. Hier in der Waldhütte übernachtend, kam die Stunde, das Weib gebar und verlor wieder, und Holz- und Köhlerleute trugen das Kind in den Wald und legten es in ein Grab.

„Und jetzt geh’ ich,“ schloß das Weib ihr Erzählen, „und singe, wo ich Witwen und Waisen finde, meine Gesänge.“

„Gutes Weib,“ entgegnete Martin, „wenn ich singen könnte, ich ging’ mit Euch, vielleicht läge das, was ich suche, im Singen.“

„Im Singen, lieber Mann, liegt Lust und Noth! – Ihr sucht ein glückliches Leben, ein Weib, eine Kinderschaar, ein friedliches Alter; o, bleibt daheim, das Alles liegt in Euren Bergen, bleibt daheim!“

„Daß Ihr mich versteht, Weib, ich suche nicht mein Glück, ich suche das Glück der ganzen Welt – das Reich Gottes auf Erden!“

„Das Reich Gottes auf Erden!“ rief die Bettlerin auflachend und sich emporrichtend, „ei, da sucht wieder einmal ein Blinder nach der Sonne, die ihn einst geblendet hat. – Glaubt das einer armen Bettlerin: das Weltglück, wir wissen nicht, wie es aussieht, darum ist alles Suchen vergebens.“

„Aber ich hab’ einen Priester predigen gehört, der sagte von einem Reiche Gottes auf Erden.“

„Es ist auf Erden, ja, und ich weiß auch wo: es ist in dem Herzen eines Kindes, das schlummert.“ –

Wer jetzt den Mond betrachtet hätte! Langsam zog er hinter ein Wölklein und statt der lichten, freundlichen Scheibe sah man am Himmel ein dunkles Herz mit silbernen Rändern. Und das Herz wurde ein scharfes Dreieck und zackte sich aus, – es wuchsen Arme und Glieder und diese streckten sich nach allen Seiten und – jetzt kroch über das dunkle Himmelsgewölbe eine riesige Spinne dahin.