Eines Tages wurde es anders. Ein Gerichtsdiener trat mit dem Gefangenenwärter ein und befahl dem Wurzelgraber, daß er folge. Martin that es freudig, denn nun durfte er wohl wieder heim in seine Wälder. Aber in der Vorhalle nahm der Gerichtsdiener ein Kettenschloß vom Gesimse und legte es dem armen Burschen an die Hände. So führte man ihn in das Freie, wo es so blendend weiß und licht war, und wo doch der düstere Winter lag. Sie führten ihn durch einige Gassen der Stadt und über den Marktplatz. Menschen drängten sich heran, daß schier der Weg versperrt wurde, aus allen Fenstern sahen Leute und Viele zeigten mit Fingern auf den Wurzelgraber und riefen: „Dort geht er, das ist der Leichenräuber!“

Leichenräuber! – In seinem Leben war dem unglücklichen Aepler kein plötzliches Leid so zu Herzen gedrungen, als dieses schreckliche Wort. Jetzt erst ging ihm das Licht auf und sein Todesurtheil hatte er jetzt gehört. Nun war Martin überzeugt, daß dieser Gang in Ketten sonst nirgends hinführe, als hinaus vor die Stadt zum Hochgerichte.

Er wäre zusammengebrochen mitten auf dem Marktplatz – aber der Gefängnißwärter stützte ihn.

Sie kamen am Hause vorüber, wo Martin vor wenigen Tagen mit Nothburga getanzt hatte, wo sie den Niklas erschlugen. Ach, das war ein unheilvoller Tag und eine unglückselige Nacht!

Ja wohl, unglückselig, wenn Einer das Reich Gottes sucht und er findet das Hochgericht!

Ein Wegweiser ist geschrieben und aufgerichtet, aber gar Mancher hat ihn übersehen und Mancher kann ihn nicht lesen und deuten und geht den Weg des Verderbens! –

Endlich führten sie den Wurzelgraber in ein Haus und über eine breite, steinerne Treppe in einen großen Saal. Der Saal war durch ein Eisengeländer in zwei Räume abgetheilt. In einem dieser Räume standen und drängten viele Menschen, in dem andern saßen an einem langen, grünen Tisch ernste Männer in dunkler Kleidung. Einige Fenster des Saales waren durch Vorhänge verhüllt. Auf dem grünen Tisch stand zwischen zwei brennenden Wachskerzen ein Crucifix. Vor dem Tisch war ein einzeln dastehender Stuhl ohne Lehne. Zu diesem Stuhle wurde Martin geführt und dort nahm ihm der Gerichtsdiener das Schloß von den Händen.

So stand er da, der bleiche Bursche mit den großen, dunklen Augen, den wirren Haaren und dem ungepflegten Bartanflug. Das Zittern seiner Mundwinkel verkündete einen unendlichen Schmerz und das Auge flehte die Männer in dunkler Kleidung an, daß sie diesen Schmerz von ihm nehmen möchten.

Aber die Richter blieben kalt, nur sagten sie zu einander: „Noch so jung, noch so jung!“