„Kann Er davon leben?“

„Das just wohl!“

„Ist Er militärpflichtig? – Ich meine, ob Er sich schon einmal hat stellen müssen?“

„Ja, ich war wohl einmal, aber da haben sie mich wieder heimgehen lassen.“ –

So ging es fort. Oft war Martin verwirrt und antwortete gar nicht, und als das Verhör zur betreffenden That an der Waldkapelle kam, zitterte er und rief: „Ja, ich hab’s gethan, aber ich hab’s nicht schlecht gemeint.“

Endlich fragte man ihn gar nicht mehr und der Staatsanwalt stellte den Antrag: schweren Kerker auf zehn Jahre!

Da stand ein Mann mit langem, braunem Vollbart auf, der abgesondert an einem Tischchen saß und bisher nur wenig gesprochen hatte. Dieser hielt nun eine lange Rede. Er legte noch einmal den Thatbestand dar, sprach dann von dem unbescholtenen Vorleben, von der nichtigen Erziehung, der Erscheinung und den Verhältnissen des Wurzelgrabers und schloß endlich seine Rede:

„Wir haben, meine Herren, keinen Verbrecher vor uns, sondern ein unglückliches Opfer des Aberglaubens, das wir wohl tief bedauern, aber nicht richten können. Wir Alle, die wir uns heutzutag’ der Humanität und Bildung, des lichteren Geisteslebens erfreuen, ständen ohne Erziehung und Schule auf der Stufe, auf welcher unser Angeklagter steht. Der Unglückliche hier wäre durch eine entsprechende Ausbildung ein herrlicher Mensch geworden, edler und besser vielleicht, als einer. Der Mann hier trägt viel Menschenliebe im Herzen, das zeigt sein Streben, ein Weltbeglücker werden zu wollen. – Wer unter uns hat als begeisterter Junge in den Studentenjahren diesen Wahn nicht getheilt, freilich mit weniger Consequenz, weil wir bald sahen, daß es ein Ideal ist und unter den leidenschaftsvollen Menschen auf Erden nicht verwirklicht werden kann. Diese Aufklärung aber in dem Sinne ist unserem Manne hier nicht geworden, weil er keine Ausbildung und keine Lebensschule genoß, und so hielt er starr und fest an dem Wahne und verfolgte sein ideales Ziel mit Aufopferung seines eigenen Wohles. – Dazu kam der Aberglaube. Auch wir haben als Kinder Fabeln und Märchen geglaubt und würden sie noch glauben, wenn wir nicht durch ein Aeußerliches, durch die Schule und die Erfahrung eines Anderen überzeugt worden wären, denn die eigene Vernunft arbeitet sich aus dergleichen gar schwer heraus. Der Mann aber ist nicht durch ein Aeußeres eines Anderen überzeugt worden, im Gegentheile, seine Umgebung hat den Aberglauben in ihm nur noch mehr bestärkt und bestätigt. – Sie geben mir zu, meine Herren, daß ein Verbrechen, wie Mord, Brandlegung u. s. w., von einem Ungebildeten aus Aberglauben begangen, nicht so schwer in die Wagschale fällt, als wenn dasselbe von einem Gebildeten aus Haß und Rache verübt wird. Nun ist aber der gegenwärtige Fall kein Mord und keine Brandlegung, er ist kein Akt des Hasses und der Rache, nicht einmal der Eigenliebe. An einem Todten hat sich der Angeklagte vergriffen, in dem Wahne, den Lebendigen das Glück zu geben. Wollen Sie das, meine Herren, sühnen, wie ein Verbrechen? Wohl heißt es: Laßt die Todten ruhen! Aber machen Sie einmal dem anatomischen Kabinet einen Besuch, dort wird die sogenannte Ruhe auch gestört und entehrt – die Todten werden zergliedert, zerstückt – zum Vortheile der Lebendigen. – Ich behaupte nicht, daß es kein Verbrechen ist, die Gräber zu öffnen; es ist Leichenschändung und Leichenraub geschehen, diesen die vollste Strenge des Gesetzes! Der gegenwärtige Fall ist ein anderer und in Bezug auf das bereits Gesagte zu entschuldigen. – Erwägen Sie den Fall noch einmal, meine Herren, und erwägen Sie meine Worte, die ich aus der Tiefe meines Herzens für den unglücklichen Mann hier gesprochen habe. Richten Sie über das Vergehen eines Verirrten nicht, wie über ein Verbrechen. Die hier in Verhandlung stehende That ist nichts als ein unwissentliches Vergehen gegen die Sitte; betrachten Sie dieselbe als solches, meine Herren, und lassen Sie den armen Mann nun gewitzigt sein und heimziehen in seine Berge!“

Nach dieser Rede war es still im ganzen Saale. In Martin’s Auge hing eine große Thräne; er stürzte hin vor den Vertheidiger, umschlang seine Füße und rief: „Der ist mein einziger Freund in der Welt!“