Stundenlang irrte er durch die Gegend und er kam nicht weiter; noch die Mitternachtsstunde hörte er von der Thurmuhr des Städtchens schlagen. Aber Martin war muthig, es ging ja heimwärts. Endlich kam er zum Wald und auf demselben lag ein Schneegewölbe und das gab einigen Schutz gegen den Sturm. Freilich war es gar finster unter den Aesten und die Wipfel rauschten unheimlich und hie und da fielen Schneeklumpen zu Boden, aber Martin achtete das nicht, er war ein Sohn des Waldes und hatte so manchen unwirthlichen Winterabend im Freien zugebracht. So ging’s fort zwischen den Stämmen und Sträuchern über Stock und Wall. Plötzlich aber kreischte Martin auf und sank fast in den Boden.
An seinem rechten Arm hatte ihn eine Hand gefaßt.
„Ei, das ist wohl gar der Leichenräuber!“ rief eine Stimme.
Eine männliche Gestalt stand vor ihm – wie aus der Erde aufgetaucht war sie gekommen.
„Beruhige Dich, Bruder,“ lachte die Gestalt, „ich kenne ja Deine Geschichte und ich weiß, daß Du unschuldig bist. Steh’ auf, Narr, wir halten uns zusammen, daß wir aus dieser Mördergrube kommen, ich hab’ Frost und Hunger. Wir wollen einander beistehen, wir haben das gleiche Geschick. Solltest Du mich noch nicht gesehen haben, so sage ich Dir, daß wir die letzten Wochen her in einem Hause gewohnt haben. Ich ließ mir von Dir erzählen und hätte nur gewünscht, mit Dir zusammen zu wohnen. Ich bin ein ehrlicher Kerl und unschuldig haben sie mich hingehalten, alberner Händel wegen, an denen ich mich gar nicht betheiligt habe. Erst in den letzten Tagen kam meine Unschuld an’s Licht und man ließ mich frei. Jetzt freilassen, jetzt zur rauhen Winterszeit! Was soll ich anfangen, ich bin nicht von hier und ich habe keinen Erwerb. Kaum die nöthige Kleidung habe ich, so daß sie mich im Zwilchrock fortgehen ließen. Was soll’s nun werden mit mir, wenn ich nicht gute Menschen finde!“
Wie diese Worte mit Lachen begonnen hatten, so hörten sie mit Weinen auf.
Martin hatte sich von seinem Schreck erholt – das war ja kein Bösewicht, der ihn überfallen wollte – ein armer Nothleidender war’s, ein Hungernder, ein Frierender. Brot hatte der Wurzelgraber keines, aber einen dichten Lodenrock, und den bot er dem Fremden bereitwillig an.
„’s ist eine Gewissenlosigkeit,“ sagte dieser, „wenn ich von Dir Rock und Hut nehme, aber wenn mir der Frost nicht schon bis an’s Herz ginge und wenn ich nicht wüßte, daß Deine Güte zu mir aus wahrer, christlicher Liebe kommt, so würde ich die Kleider nicht annehmen.“
Der Fremde nahm Martin’s Rock und Hut und warf dem Wurzelgraber die leichte Zwilchjacke und die Wollenhaube dafür hin, wie er sie aus dem Arrest mitgebracht hatte. Martin zog diese Kleider ruhig an, dann lud er den Fremden ein, daß er mit ihm gehen möge, er kenne die Gegend, er führe ihn aus dem Wald und in eine Herberge. So gingen sie weiter, Beide sprachen wenig. Ueber ihren Häuptern krachten die Aeste, einzelne brachen sogar und stürzten rauschend nieder.