Der Doctor griff wieder in die Saiten, sang ein heiteres Lied und einen Jodler dazu, so recht derb und lustig, daß die Weiber sagten: „Na, und jetzt ist er wieder wie ein Bauernbursch oben im Gebirg.“
Nur das Ende war nicht so. Das letzte Ausklingen eines Jodlers hat ein so eigenartig, innig Lustiges, daß es nur der geborene Aelpler recht hervorsprudeln und austrillern kann; ein Anderer kann es nicht, das letzte Ausklingen gelingt ihm nicht.
Endlich erhob sich der Doctor und sagte zu Nothburga: „Und jetzt muß ich ein wenig arbeiten; die Josefa bleibt bei Dir. Bevor ich fort nach Dernau geh’, komm ich schon noch einmal. Wenn Du dann endlich etwas stärker bist, werde ich Dir was Lustiges sagen. Die Mutter Anna trägt mir wohl wieder die Zither auf meine Stube?“
Dann ging er, um sich nach Martin umzusehen.
Als er die Treppe hinabstieg, eilte ihm schon die Schließerin entgegen: „Ach, man meint, man findet Euch gar nicht, Herr, kommt doch gleich hinab in den Hof, sie haben einen Todten gebracht!“
Und als der Doctor hinab kam in den Hof, da standen unter einem Vordach Leute, die lebhaft miteinander sprachen und Alle nach einem Fleck hinsahen.
Dort, auf zwei ineinander geflochtenen Baumästen lag der Todte. Es war das Leichentuch noch darauf, das der Wald und der Winter ihm geschenkt hatte; man wollte nichts an der Leiche anrühren, nicht einmal den Schnee herabfegen, so lange nicht der Arzt kam.
Als dieser nun dastand, traten drei Bauernbursche, wie sie ihm am Morgen im Walde begegnet waren, heran und sagten: „Haben heut’ einen traurigen Fund gemacht!“
„Wir sammeln dürres Gefälle zu Brennholz,“ erzählte einer der Burschen, „und waten so im Schnee herum. Sagt auf einmal der Georg – Du, sagt er, da liegt auch ein nutzes (beträchtliches) Stück, das müssen wir heraus ziehen. Und wie er den Haken in den Schnee haut, sagt er: Das ist ja gar kein Holz! – Nein sag’ ich, was wird’s denn sonst sein? und hau auch in den Schnee. Jesus, schreit d’rauf der Georg, eine Menschenhand! und – ’s war nicht anders. Rechtschaffen g’schreckt hat’s uns und wir haben Keiner wollen angreifen. Sagt noch der Poldl: Ziehen wir ihn nur in Gottesnamen heraus, muß halt erfroren sein; zuletzt ist er gar nicht todt, er ist noch völlig weich. Und so haben wir ihn aus dem Schnee gezogen, haben ihm gleich Schuh’ und Strümpf’ herab gerissen und die Füße gerieben. Und wir haben ihn gerüttelt und noch stärker gerieben – nein, was wir gearbeitet haben! Aber ’s war halt aus und vorbei. ’s ist ein wildfremder Mensch, wohin sollen wir ihn denn tragen als in’s Armenhaus? Wir haben noch gerathen und hin und her geredet; der Doctor ist heut’ dort, haben wir gesagt, und der wird schon wissen, was zu machen ist. Ein rechtschaffen trauriges Geschäft! – Und da haben wir ihn jetzt.“