Sofort besichtigte der Doctor die Leiche. Es war ein junger Mann mit langen blonden Locken. Augen und Mund waren halb offen, von dem linken Mundwinkel über die Wange war eine röthlich braune Eiskruste – der Verunglückte mußte aus dem Mund geblutet haben. Hände und Füße waren blau angelaufen. Das Beinkleid war von grauer Leinwand, der Rock aus Loden. Um den Hals hing der Leiche eine Sackuhr mit zerbrochenem Glase.

Ohne ein Wort zu sagen, löste der Doctor die Uhr ab und legte sie nebenhin auf ein Brett. Dann untersuchte er Schädel und Hals.

„Erfroren ist der Mann nicht,“ sagte er, „es zeigt auf einen Fall, es ist das Genick gebrochen.“

„Du ewiger Heiland!“ schrie die Beschließerin plötzlich, „Doctor, das ist ja Euere Uhr und der ist gewiß Euer Räuber!“

„Mag wohl sein,“ sagte der Mann ruhig, „tragt jetzt die Leiche in die Todtenkammer, alles Andere werde ich schon besorgen. Den Gotteslohn für das Hertragen aber müßt Ihr Euch wohl beim Gericht holen.“

Und die Bursche hoben die Leiche und trugen sie in die Todtenkammer.

Der Arzt ging in das Zimmer, wo Martin war. Dieser lag in mehrere Decken eingehüllt auf dem Ledersofa und schlief.

Der Doctor stand sehr lange vor dem Schlafenden und sah ihn an. – Beide, die noch vor wenigen Stunden gemeinsam auf Verbrecherpfaden wandelten, schlafen nun. Beide sind gerichtet. Der Eine wird nicht mehr erwachen; sein Staub, der den Menschen einst Uebles gethan, wird Blumen und Rosen bringen. – Der Andere wird wieder erwachen zu seinem alten, elenden Leben, und sein Leben wird noch elender sein, als bisher. Elend am Geist, ist er nun auch elend am Körper – elend zum Erbarmen, unglücklich und immer unglücklich, bis zum Sterben. Und hat er nicht das Recht zu einem hellen, freudigen Leben wie jeder Andere? –

Langsam schritt der Doctor über die Treppe, ging in seine Stube und schloß sich ein. Zitternd klangen die Saiten in das Gemüth des Mannes: