Seine Gedanken waren im Armenhaus zu Hochdorf, in seiner einsamen Stube zu Dernau und bei seinen Kranken in den zerstreuten Bauerngehöften im Gebirge, dann wieder waren sie draußen in der großen Welt und weit zurück in den längst entflohenen Jahren seiner Jugend.
Das Geschlecht der Grafen Preisheim war alt und berühmt, es hatte viel für das Vaterland geleistet. Als aber die große Zeit der deutschen Befreiungskriege kam, da konnte das Geschlecht seinen Mann nicht stellen; es war Niemand mehr davon da als ein achtzigjähriger Greis und dessen Enkel, ein Knabe mit goldigen Locken. Der Knabe war sehr kräftig und aufgeweckt und eines Tages nahm er das Schwert seiner Väter und wollte fort in den Krieg. Sein Großvater aber sagte: „Bleibe, Ludwig, Du bist noch ein Kind! Bis Du groß geworden sein wirst, werden schon noch andere Zeiten kommen, daß Du dem Vaterlande nützen kannst, bis dahin will ich Dich dazu erziehen.“
Der Knabe hing das Schwert in dem Waffensaale wieder auf, und dort hing es viele Jahre – Ludwig nahm es nicht mehr herab.
Bis in das zwölfte Jahr blieb Ludwig in dem Schlosse seiner Väter und genoß die Erziehung des Großvaters, dann ging er in eine ferne Stadt und lernte die Weltweisheit, die in den Büchern steht.
Neben ihm auf den Schulbänken saßen auch noch viele andere junge Menschen, die dasselbe lernten, aber von geringerer Abstammung waren als er. Nur noch Einer saß in der Schule, der sich Freiherr nennen ließ.
Als Ludwig vierzehn Jahre alt war, erhielt er von seinem Großvater einen Brief, in welchem folgende Worte standen: „Mein geliebter Enkel! Die schweren Kriegszeiten haben unser Vermögen zerrüttet und den größten Theil desselben verschlungen. Lerne mit Fleiß und Ernst, daß Du im Stande bist, durch Dich selbst was zu werden. Dein treuer Großvater.“ –
Ludwig las den Brief, legte ihn dann in sein Schreibfach und studirte.
Ein Jahr später kam wieder ein Brief und dieser enthielt folgende Kunde: „An Seine Edelgeboren, den Grafen Ludwig Preisheim. Mir obliegt die traurige Pflicht, Ihnen den Tod Ihres Großvaters, des Herrn Grafen Roderich Preisheim anzuzeigen. Derselbe entschlief gestern nach einem kurzen Krankenlager selig in dem Herrn. P. Johannes, Pfarrer.“