Ludwig las den Brief, stützte lange den Kopf auf seine Hand, legte das Papier in sein Schreibfach und rüstete sich zur Abreise.
Als er nach Tagen heimkam in seine Vaterburg, ging er in das Zimmer seines Großvaters, sah den Stuhl an, wo er oft gesessen, und das Bett, in welchem er gestorben war. Dann ging er auf den Kirchhof, wo die Ahnengruft war, dort kniete er lange auf dem breiten Stein.
Dann entließ er alle Leute, die im Schlosse waren, verkaufte dasselbe und deckte die auf dem Gute liegenden Verpflichtungen. Weit drin im Gebirge besaßen die Preisheimer noch ein kleines, altes Schloß mit einigen Grundstücken; das verkaufte Ludwig nicht, sondern stellte einen Verwalter in dasselbe.
Als nun Alles so geschlichtet war, reiste Ludwig wieder in die ferne Stadt und studirte. Er wählte sich die Naturwissenschaften und die Medicin.
Zeit und Zeit ging nun ruhig dahin und wenn die Ferien kamen, lud er immer einen oder den andern seiner Collegen ein, mit ihm in die Gegend zu reisen, wo das Schloß stand.
Als Ludwig in das achtzehnte Jahr ging, da trug sich mit ihm was zu, was sich mit allen Studenten zuträgt, wenn sie in das achtzehnte Jahr gehen.
Er verliebte sich.
Und gerade um dieselbe Zeit verliebte sich auch der Freiherr, der mit Ludwig in einer Classe saß. Beide suchten in den freien Stunden einsame Wege, dachten an ihre Herzenskönigin und besangen sie durch selbst erfundene Verse.
Auf solchen Wegen trafen die beiden Jünglinge einmal zusammen, gestanden einander, daß sie liebten, und schlossen als Schicksalsbrüder engere Freundschaft. Aber diese Freundschaft war von kurzer Dauer, bald klärte es sich auf, daß die Mädchen, welche sie liebten, zusammen nur ein Herz hatten und daß dieses Herz einer Gärtnerstochter gehörte, die sehr schön war.