Martin wohnte allein in der Hütte seines Vaters, er durchzog die Alpengegend und sammelte Wurzeln und Kräuter, welche er theilweise dem Doctor verkaufte, theilweise in das Städtchen trug. Wenn der Bursche dann Abends heim in seine Hütte kam, hatte er nicht selten ein sonderbares Geräthe bei sich, oft gar ein Buch – und er konnte doch nicht lesen. Wenn sich irgendwo im Gebirge ein Unglück zutrug und wenn ein Leid geschah, das sich die Menschen einander selbst angethan hatten, so bekam er immer Kopfschmerz und Brustleiden. Am liebsten ging er einsam durch den Wald, da trat er immer auf Steine und erhöhte Baumwurzeln, daß er keinen Käfer und keine Ameise und kein anderes lebendes Wesen zertrete.

Zum Doctor sagte er einmal: „Herr, Ihr seid studirt in der Arzneikunst, giebt es kein Mittel, das Blut im Menschen so zu machen, daß keine Wildheit und keine Falschheit in demselben liegen könnte?“

Der Doctor schwieg lange nach dieser Frage, endlich aber antwortete er: „In der Arzneikunst giebt es keines, aber es sind noch viele andere Künste auf Erden, vielleicht liegt es doch in einer.“ –

Die Fragen des Burschen waren überhaupt oft derart, daß der Doctor keine Antwort darauf hatte und sagen mußte: „Martin, sinne nicht an derlei Geschichten, das taugt nichts und es sind dadurch schon Leute verrückt geworden.“ –

Besser erging’s dem Doctor, wenn er auf seinen Spaziergängen zum goldlockigen Geismädchen kam. Das war eines Wegmachers Töchterlein, welches die Ziegen seines Vaters weidete. Als ihm der Doctor auf seinen Bergfahrten das erstemal begegnete, sagte er: „Kleine, wem gehörst Du denn zu?“

Aber die Kleine gab keine Antwort, wendete das Gesicht und lenkte gar mit ihren Ziegen vom Wege ab.

Bei der zweiten Begegnung sagte der Doctor: „Ei sapperlot, jetzt sag’ mir aber gleich, wie Du heißt und wer Dein Vater ist!“

„Nau,“ entgegnete drauf das Mädchen, „Nothburga heiß ich halt und der Wegmacher Hansl ist mein Vater!“

Seit dieser Zeit war die Bekanntschaft zwischen dem Doctor und dem Geismädchen. Und seit dieser Zeit versorgte Nothburga den Doctor mit Himbeeren, Erdbeeren und anderen Früchten, wie sie auf den Bergen wachsen und ein Arzt für seine Apotheke brauchen kann.