Nun erzählte der Doctor mit wenigen Worten, wie man den Flüchtling todt im Wolfswalde fand und daß er sich wahrscheinlich durch einen Sturz vom Pferd, das unter dem fremden Reiter wild geworden war, das Genick gebrochen habe.

Martin horchte, aber er hatte andere Gedanken; er hatte bemerkt, daß die Leiche an dem linken Fuß nur vier Zehen habe. Dieser Umstand hatte Sinnen und Brüten in ihn gebracht.

„Es ist gut,“ sagte einer der Gerichtsmänner, und der Doctor ließ Martin wieder zurückführen in seine Stube. Dann traf man Anstalten zur Fortschaffung der Leiche.

Der Doctor rechnete gut, wenn er Menschengemüther berechnete. Er glaubte, daß auf eine grübelnde, nach Gerechtigkeit schmachtende Seele, wie die Martin’s war, der vorliegende Fall irdischer Sühne einen günstigen Eindruck machen müsse.

Diesmal aber hatte er sich getäuscht.

Martin arbeitete nicht weiter am Pfeifenkopf, er hielt seine Hände über das eingebundene Knie und sah vor sich hin. „’s giebt denn doch ein Reich Gottes auf Erden!“ murmelte er, „der Uebelthäter entgeht nicht dem Gerichte. – Und wenn es über den Menschen eine Macht giebt, die auf Erden das Böse bestraft, so muß es auch eine Macht geben, die auf Erden das Gute belohnt. Wo ist diese Macht? – Und, Martin, hat dir nicht Jemand gesagt, daß Einem am linken Fuß eine Zehe fehle? Wer hat dir das gesagt und von wem?“

Der Bursche sann und sann. Endlich fiel es ihm ein; jene Bettlerin in der Köhlerhütte hatte vor Jahren ein Kind verloren, welches dieses Merkmal trug. „Vielleicht,“ so murmelte er wieder, „war dieser Mörder der Bruder jenes Wesens, das sie im Walde begraben und in dessen Herzen ich das Reich Gottes gesucht habe. Freilich, freilich lag’s darin, weil es ein Kindesherz war. Und ich Narr hab’ das anders verstanden – – die Kreuzspinne und der Zauberer im Märchen – ach Gott, ja, nun seh’ ich’s wohl, daß ich den Verstand verloren hab’, nun seh’ ich’s wohl!“

Der Arme begann heftig zu weinen und als gegen Abend der Doctor wieder kam, lag er im Fieber. –

Heiterer war es am Lager der Nothburga. Als das Mädchen den Arzt sah, lächelte es und sagte: „Jetzt werd’ ich doch noch einmal gesund, mir hat vom Martin geträumt, daß er ein schneeweißes Kleid anhat und daß er zu uns kommt.“