Den Athem an sich haltend, trat der Hans ein. Die Hütte hatte kein Flötz (hölzerner Fußboden) und keinen Herd, und keinen Ofen mehr, nur die in sich zusammengefügte Zimmerung stand da. Und siehe, an der Wand kleppte das Wiegenbettchen, und darin schlief, sorgsam verhüllt und eingeschichtet, das Kind. Es erwachte nun vor dem hellen Schrei, den der Mann ausstieß; da faßte der Hans den Knaben in wildem Ausbruche des Gefühles und preßte ihn derb an seine Brust; den Gewalten der Elemente entgangen, wäre der Kleine schier von der Liebe des Vaters erdrückt worden.
Bald aber ließ der Mann das Kind wieder auf das Bettchen sinken, und sein Auge starrte, und seine Wangen erblaßten. Dort hinter der Thür, sich noch fest an einen Balken klammernd, kauerte sein Weib. Hilda war unversehrt aber – leblos.
So hatte es der arme Hans gefunden.
Hierauf kamen die Leute des Waldes zusammen, um das Wunderbare zu sehen. Jeder gab sein Erachten ab, wie das geschehen sein mochte. Viele meinten wieder, es sei der Drache endlich losgebrochen aus seiner Höhle und habe das Unheil angerichtet. Andere glaubten, daß das Häuschen und das Kind erhalten geblieben, sei ein Mirakel von dem steinernen Marienbilde, das jetzt im Lawinenschutte begraben lag. Ein alter Hirte sagte, nach seiner Meinung sei es so geschehen: Von den hohen Mulden sei eine große Lawine niedergegangen, habe das schon lockere Felshorn mit sich fortgerissen und sei ihre gerade Straße weitergefahren. Daraus habe sich nun ein mächtiger Luftdruck entwickelt, welcher der Lawine vorausgeströmt sei und das Häuschen durch einen plötzlichen Ruck an das jenseitige Ufer gesetzt habe. Das Kind sei wahrscheinlich durch die Wände geschützt gewesen, das Weib an der offenen Thür aber durch den Luftdruck erstickt worden. Es hätte sich bei Lawinenstürzen schon mehrmals auf ähnliche Weise zugetragen; der Luftdruck bei großen Abrutschungen vermöge ja ganze Urwälder vor sich niederzuwerfen und die größten Bäume und Felsklötze über tiefe Abgründe zu schleudern.
Die Leute sagten, es werde schon so gewesen sein, und gingen auseinander.
Der arme Hans blieb bei seinem todten Weibe und bei seinem lebendigen Kinde in der Hütte. Oft ging er vor die Thür hinaus und rief nach dem Jok. Die Ziegen kamen herbei und blickten ihn mit ihren eckigen Augen an: sie wüßten auch nicht, wo der Jok sei.
Wenn dann der Knabe schlief, saß der Hans still und einsam in der Hütte. Die erblindeten Glastäfelchen an den Fenstern waren nicht zerbrochen; der Hans betrachtete die dürftigen Zeichen der Vorfahren. Kreuze und Herzen, von sonst haben auch die Alten nichts gewußt, und dieses Erbe haben sie allen Nachkommen im Felsenthale hinterlassen.
Nach zwei Tagen kamen die Leute des Waldes wieder zusammen und trugen das Weib des Holzers fort aus dem Hause unter den Wänden und hinaus durch die Felsschluchten auf den kleinen Gottesacker des Walddorfes.
Hans stieg hierauf tagelang in dem Felsenthale umher und suchte seinen Bruder.