Er fand ihn nicht. Da schloß er sich einzig und ganz an seinen Knaben. Im Waldlande, in der Nähe der Holzgeschläge, in welchen der Hans arbeitete, haben sie sich aus dicken Baumrinden eine Klause gebaut.
In dem unwirthlichen Felsenthale hatten sie nichts mehr zu suchen. Drei Jahre nach dem Naturereignisse, im Hochsommer, verschmolzen und verschwemmten die letzten Reste der niedergestürzten Schneelawine, und da fanden sich neben dem zackigen Felshorn im Schutt halb begraben die Gebeine des armen Jok. Neben ihm lag noch die Axt und ein zugespitztes Scheit, und der Block, mit dem er in den letzten Tagen vor dem Unglücke an dem Hang Pfähle in den Boden getrieben hatte. Die treue Seele hatte das drohende Unheil geahnt und wollte durch solche Schutzpfähle das Haus des Bruders noch retten. Da sind die wilden Gewalten, die keine Lieb’ erkennen, über das Bruderherz hingefahren.
Im Felsenthale wächst heute kein einzig Hälmlein mehr – Alles Schutt und Gestein. Von dem letzten und einzigen Hause haben tosende Gießströme längst die letzten Reste davongeschwemmt, und an den Hochmulden steigen immer tiefer und tiefer die Gletscher nieder.
So sind aus diesen verlorenen Schründen die letzten Menschen verdrängt worden. Im Waldland draußen lebt heute noch der Hans als alter Mann. Er lebt still in sich und ist ergeben; nur im Frühjahre, wenn im Hochgebirge die Lawinen stürzen, hebt er an zu zittern und umfaßt seinen Sohn mit beiden Händen.
Sein Sohn, nun, das ist ein hübscher kräftiger Bursche geworden; vom frühen Morgen bis in die späte Nacht arbeitet er im Walde. Aber der Hausbau im Dorfe ist heute noch nicht begonnen. In der Dürftigkeit muß auch der junge Holzer sein Leben verbringen, darf vielleicht gar sein Herzenslieb nicht freien, weil er kein Daheim hat. Wen soll er darob anklagen? Etwa die hohen Berge? Er ging einmal von ihnen fort in’s Flachland hinaus, aber die bösen, die lieben Berge, sie zogen ihn zurück und grüßten ihn wieder mit ihrer Mühsal und Gefahr.
Wenn der Bursche daran denkt, wird es ihm manchmal schier krampfig im Herzen. Aber hinschleudert er den Gram, daß er in die Tiefe fährt wie eine Schneelawine, und hell aufjauchzt der Mann, daß es im grünen Walde und in den sonnigen Hochwänden des Gebirges vielfach widerhallt.
Das Viktel.
(Eine Hofgeschichte.)