Die Hofgeschichte beginnt mit demselben Hofe, auf welchem es an diesem Sonntage so geruhsam und still ist.
Man heißt ihn den Leeshof.
Die Musik klang nicht herüber vom Breitegger-Wirthshause, denn es lagen drei Berge dazwischen. Die Musik wurde dort im Thale aufgefangen von hundert leblustigen Menschen und frischweg vertanzt und verstrampft. Kirchweih- und Erntefest zugleich – da waren Alle dabei, um Gott zu danken in Lust und Jubel, und der Wirth goß Wein dazu.
Im Leeshofe war es das Viktel, welches haushüten mußte. Das Viktel hatte nichts gesäet und nichts geerntet, was soll es beim Tanz? Sie war erst neunzehn Jahre alt, ein Waisenkind ohne Kalbslederschuhe und ohne Liebhaber – was soll sie beim Tanz? Oder – sie wird doch nicht etwa so verdorben sein und einen Liebsten haben wollen, und sich von ihm Wein und was Warmes zahlen lassen, und mit ihm walzen wollen bis tiefnächtig?! Also, was soll sie beim Tanz?
Sie sitzt im leeren Hause allein in der Meierstube auf einem Betschemel, und die Sitzbank ist ihr Tisch, da bessert sie säuberlich ihre Werktagskleider aus und denkt so dabei an die vergangenen Zeiten, und draußen rieselt der Brunnen. Auf den weiten Feldern um den Hof stehen in langen Reihen hin die Garbenschöberchen des geschnittenen Kornes, weiter hin stehen zwischen grünen Gründen weißstämmige Birkenwäldchen bis an den Wockenberg, der sich breit und waldig erhebt, sich in dunkle Schluchten faltet und hoch zu Häupten eine kahle Felsenzinne trägt, welche eine große Fernsicht bietet und von vielen Touristen bestiegen wird. Heute ragt der Berg still, denn Alles, was jodeln und jauchzen kann, ist im Wirthshause zu Breitegg. Die Sonne scheint warm und hold vom nachmittägigen Himmel herab und die Vögel haben Feierabend gemacht.
Und die Viktel saß mitten in der Welt und nähte. Den falben Hanfzwirn hatte sie mit Pfannenruß gefärbt, weil die Joppe grau war, und ihre nußbraunen Augen waren feucht geworden, weil sie an traurige Sachen sann. Sie dachte an ihrer Mutter Sterben. Es war ja heute derselbige Tag wie vor einem Jahre – dazumal ist’s der Samstag gewesen. Die betagte Magd hatte noch die Garbe herausgeschnitten aus dem wallenden Korn. Dann setzte sie sich plötzlich auf die Garbe und rief: „Viktel, geh’ geschwind ein wenig her!“ Die Tochter steckte die Sichel in das Gehalme und kam herbei. – „Viktel,“ sagte die Magd und nahm sie hastig bei der Hand, „Viktel, Dir mag nichts an auf der Welt, Du kannst arbeiten und bist leicht zufrieden. Nur eine Gefahr stellt Dir nach. Meine Mutter hat’s oft und oft gesagt, unser armer Stammen hätt’ so viel heißes Blut – thät’ das Leben verbrennen und oftmalen auch die ewige Seligkeit. Viktel, das Mannerleut’ Gernhaben! hüte Dich und laß Dich nicht verführen. – Jetzt wird’s mir ganz blau vor den Augen – – Kind! – wo bist denn? – Kind!“
Da schrie das Viktel schon nach Hilfe, bis die Schnitter alle zusammenliefen – aber der ewige Schnitter hatte den Menschenhalm geknickt....
Das Mädchen ließ jetzt die Nadel ruhen, legte die Hände gefaltet in den Schoß und betete ein Vaterunser.