Und während diese Ruhe war, verstummte draußen plötzlich das Rieseln des Brunnens. Das Viktel blickte durch’s Fenster hinaus und erschrak. Am Brunnen lehnte, mit einer Hand den Ständer umarmend, mit der andern sich auf den Rand des Troges stützend, der Graber-Schorsch und trank an dem hervorsprudelnden Quell. Das Mädchen schlich auf den Zehenspitzen rasch zur Hausthür und schob den zweiten Riegel vor und duckte sich an den Fenstern, daß sie der Mann, der draußen war, nicht bemerken konnte. Vor dem Graber-Schorsch verschlossen sich die Häuser; er betrat nur solche, deren Thüren er erbrach. An die vierzig Jahre mochte er alt sein, an die zwanzig war er im Arrest gesessen. Diebstähle und Einbrüche leugnete er nicht, denn er war zu verkommen, um darin ein Unrecht zu erkennen. Auch der Mutter des Viktel hatte er aus dem Bettstroh einst das wenige Silbergeld fortgenommen, welches sie von ihrem Vater für das Kind überkommen hatte. Er leugnete es nicht, aber er gab es nicht zurück, weil er es verspielt und vertrunken hatte, er saß es ab, und das Land bezahlte sein Sitzen und die Dienstmagd hatte nichts. Nur eines einzigen Raubmordes konnte er überwiesen werden, und den entschuldigte sein Vertheidiger mit Hunger und Noth und mangelhafter Erziehung und mit Dingen, die sich in solchen Fällen eben gar so schön sagen lassen. So ging der Graber-Schorsch seit einigen Wochen wieder frei herum und suchte Brot und Unterstand, wurde aber überall abgewiesen. Wie er zu dem respektirlichen Anzug kam, den er trug und in welchem er einem Förster ähnlich sah, wurde von den Leuten wohl besprochen, aber nicht näher untersucht. Die Haare waren heute gut geschnitten, der Backen- und Kinnbart glatt rasirt, der Schnurrbart in Hörnchen aufgedreht. Es war ein großer, sehniger Mann, die lange Rast im Arreste hatte seine Glieder behender gemacht, als sie etwa in mühevoller Arbeit geworden wären.

Als er sich in einem langen Zuge satt getrunken hatte, schien er auch etwas zu Essen haben zu wollen. Er schritt zur Thüre und rüttelte. Dann schlich er spähend um’s Haus, lugte zu den Fenstern hinein und prüfte mit Kennerauge die Vergitterungen. Das Viktel hatte sich aus Angst in den dunkelsten Winkel gekauert und sann auf allerlei Mittel, dem Hause zu entkommen und in der entfernten Nachbarschaft Hilfe zu suchen. Denn, daß die Leute vor Abend vom Tanzfeste nicht nach Hause kehren würden, das wußte sie.

Als der Graber-Schorsch das Einsteigen in’s Haus aufgegeben zu haben schien, blickte er eine Weile in die Richtung gegen Breitegg hin, wo das Wirthshaus war. Dann zog er eine große Brieftasche aus dem inneren Rocksack, durchsuchte alle Fächer, und da er sie leer fand, schleuderte er die Tasche mit einem Fluch zu Boden. Hernach setzte er sich auf eine Bank und sah das Haus an. Als er eine Weile so gesessen war und wer weiß was ausgesonnen hatte, kam des Feldweges ein Fremder heran. Ein junger, schlanker Mann, im Anzuge des Aelplers, aber mit einem zarten Angesichte, auf welchem das Gebirgswetter nicht viel zu verspüren war. Die Brauen und Wimpern der großen, blauen Augen waren so scharf, daß es gar dem Viktel, welches an einer Fensterecke herauslugte, auffallen wollte. Das Haar wucherte in halbgeschnittenen Locken unter dem Jägershute hervor und verlor sich an den Backen herab in einen zarten Flaum. Ein dunkles Schnurrbärtchen umrahmte weich die vollen, rothen Lippen, und die Hände waren so fein und weiß wie die des Herrn Kaplan zu Breitegg, nur noch kleiner. Dieser hübsche „Jägersmann“, der aber kein Gewehr bei sich hatte, sondern ein leichtes Spazierstöckchen, ging rasch auf den Graber-Schorsch zu und fragte, ob hier nicht ein Führer zu haben sei auf den Wockenberg.

Der Schorsch stand auf, musterte den Fremden mit unstetem Auge und antwortete: „O ja.“

„Wie lange Zeit braucht man von hier bis zur Höhe?“

„Drei Stunden.“

„Gut,“ sagte der Fremde, „so kann man bis Sonnenuntergang bequem oben sein, und auf dem Rückweg leuchtet der Mond. Der Führer trägt mir das Seitentäschchen hier, dann wünsche ich einen Bergstock. Ich bin nur für einen Landritt eingerichtet und für die Partie etwas unvorbereitet. Allein, da ein so schöner Abend zu werden verspricht –“

„Werden das Nöthige schon finden,“ sagte der Schorsch und streckte seine Hand nach der Tasche aus, ohne dem Fremden in’s Gesicht zu sehen.

„Wollt Ihr selbst mit mir gehen?“

„Ja,“ murmelte der Schorsch.