Er war heil, aber ihr war der Aermel zerrissen und sie blutete am Arm. Als der Fremde das sah, riß er sein Halstuch los, um die Wunde zu verbinden.

„Na freilich, als ob’s was wäre!“ rief das Mädchen, „laßt’s ein wenig bluten, ist gut für das Kopfweh. – Aber so ein Lump da! Ja, gleichschauen thut’s ihm – der hat schon Leut’ umbracht! Schaut, da ist eine Brieftasche, die hat er früher weggeworfen. Ich will was Schlechtes heißen, wenn das nicht ein Blutflecken ist da d’rauf!“

Selbstverständlich, die Partie auf den Wockenberg war aufgegeben. Der Fremde kehrte mit dem Mädchen zum Hofe zurück, dort setzte er sich an den Kopf des Brunnentroges und mußte trotz ihres Sträubens die Wunde sehen, und legte ein schneeweißes Taschentuch darüber, daß kein Tröpfchen mehr hervorfloß. Hierauf stellte er allerlei Fragen an das Viktel, das mit jeder Antwort verlegener wurde, bis es endlich tief zu Boden sah und schwieg.

Und als es so war, zog der Fremde ein Ringlein vom Finger, steckte es an ihre zitternde Hand und sagte: „Wir sehen uns heute nicht das letzte Mal. Einstweilen trage dieses Kleinod als Andenken an den Mann, dem Du aller Wahrscheinlichkeit nach das Leben gerettet hast. Ich habe heute sonst nichts, um es Dir zu lohnen, mein schönes Kind. Gott mit Dir!“

Rasch ging er davon, schritt zum Thale, bestieg sein Pferd und ritt fürbaß.

Die Leute kamen heim vom Tanze, waren schläfrig, suchten das Bett und begannen am andern Tag die Woche wie immer. Auch das Viktel arbeitete wieder auf dem Felde und war die Emsigste und war die Stillste. Zur großen Verwunderung des Hofes kam ein Arzt aus dem Bezirksstädtchen angefahren, der sich nach dem verwundeten Mädchen erkundigte und sich überzeugte, daß der Arm des Viktel fast heil war. Hingegen trug sie den Herzfinger der linken Hand in einer Binde.

Was ihr daran geschehen sei? fragte sie eine Genossin.

„In die Sichel hab ich närrischer Weise gegriffen,“ antwortete das Mädchen, „ist aber nichts.“

Da streifte sich beim Garbenbinden zufällig einmal die Hülle vom Finger und die Genossin sah daran keine Wunde, sondern ein goldenes Ringlein mit einem funkelnden Steine. So mußte es die Viktel nun wohl gestehen, daß ihr jener fremde Mann, welchen sie dem Schorsch abgejagt hatte, einen Ring an den Finger gesteckt, den sie nicht mehr herabbringe. Aber sie gestand nicht, daß sie fort und fort an den Fremden denken mußte. So gut und so lieb hatte noch kein Mensch mit ihr geredet, als dieser Mann. Er hatte mit einer so wunderlich weichen Stimme ihren Namen ausgesprochen und kein Mensch auf der Welt hat solche Augen wie er; seitdem sie in dieselben hineingesehen, kamen ihr alle anderen Augen vor wie von trübem Glase. Sie hatte keine ruhige Nacht; so lange sie wach war, dachte sie nur an ihn, und als sie schlief, sah sie ihn. Sie sah es, wie er von dem Graber-Schorsch den Wockenberg hinangeführt, beraubt und in den Abgrund gestürzt wurde; bei seinem Sturze zuckte sie auf und erwachte. Dann wieder legte er seinen Arm um ihre Gestalt und sie fühlte, wie er den Ring an ihren Finger schob.