Ein Knecht war im Hofe, der flüsterte dem Mädchen einmal zu, er habe gehört, sie bringe den fremden Ring nicht vom Finger. Er wolle ihr ihn herabziehen. Sie fragte scharf, was ihn ihr Ring kümmere?
„Ah, nichts,“ war die Antwort.
„So gehe weiter!“
Er war abgewiesen.
Da kam eines Tages an die Viktoria Zimmermann eine Zuschrift. In gar seltsam höflicher Weise, wie man etwa zu einer vornehmen Frau sprechen mag, wurde sie eingeladen, in die Residenz zu reisen und in der Schloßstraße Nummer Eins vorzusprechen und ihren Namen zu nennen. Reisegeld lag dabei, welches fünfmal so viel ausmachte, als was eine Hin- und Rückfahrt kosten konnte.
„Viktel, Viktel!“ sagten die Leute, „da steckt was dahinter. Du machst Dein Glück. Es wird vom fremden Mann sein, ganz gewiß. Das war kein gemeiner Mensch, der Ring ist vom feinsten Gold und hat einen Karfunkel, der auch in der finstern Nacht, wenn Du die Hand unter der Decke hast, glänzen muß wie ein Stern. – Wann fährst denn schon in die Stadt?“
„Wer hat gesagt, daß ich fahre?“ antwortete sie. „Will wer mit mir reden, so hat er nicht weiter zu mir, als wie ich zu ihm. Ich geh’ Keinem nach; mir brennt das Geld in der Hand; thät’ ich nur seinen Namen wissen, daß ich es kunnt zurückschicken.“
„Hast schon recht, Viktel,“ sagte der Leeshofer, „hast ganz Recht, wie Du denkst. Der Mensch muß sich selber werth machen.“
Und sie ging nicht. Um so größer aber war in ihr die Unruhe; und es war, als ob jeder Tropfen Blut in ihr immer wieder dem linken Herzfinger zurieselte und am Ringlein neu erglüht zurücksprang.
Der Graber-Schorsch war seit jenem Sonntage in der Gegend nicht mehr gesehen worden, doch hörte man, er zöge mit allerlei Strolchen und werbe eine Bande. Andere wollten wissen, er sei schon wieder eingefangen worden und man werde ihn ehbaldigst hängen. Am Frauentage im September auf dem Kirchplatze ging der Gerichtsbote auf den Leeshofer zu und fragte, ob in seinem Hause nicht eine sichere Viktoria Zimmermann wohne? Dieselbe habe unverzüglich in die Residenz zu fahren und sich in der Schloßgasse Nummer Eins zu melden. So stand es auch in der gerichtlichen Zuschrift, die der Bote übergab.