„Na, sei so gut!“ rief das Mädchen und blieb stehen. Als jedoch der Führer die Vorladung las, sagte er: „Es ist richtig, Du mußt in’s Schloß!“

Sie gingen weiter – das Viktel stets mitten auf der Straße, so daß es fortweg in Gefahr war, von den Wagen niedergefahren zu werden. Sie sah und hörte kaum, was um sie vorging; sie dachte nur an das Schloß und an den Prinzen und an ein Märchen vom Prinzen und der Schäferin, welches sie von ihrer Mutter gehört hatte. Und sie seufzte auf: „Wer weiß, wie das mit mir ausgeht!“

Plötzlich weitete es sich und der Führer geleitete das Landmädchen über einen großen Platz, der mit viereckigen Steinplatten gepflastert war. Vor ihnen erhob sich ein Palast mit hundert Fenstern und gemeißelten Figuren an den Wänden und Zinnen. Sie schritten durch das weit offene Flügelthor eines hohen, vergoldeten Gitters in den innern Hof, wo an der Pforte die Wache mit aufgepflanzten Gewehren stand, so daß das Viktel davor erschrak und anfangs glaubte, diese Soldaten stünden da, um Jeden niederzumachen, der in das Schloß treten wolle. Sie bedankte sich beim Führer und bezahlte ihn; dann nahm sie ihre Vorladung in die Hand und hielt dieselbe, langsam vorschreitend, der Wache entgegen. Die Männer standen da, wie von Holz geschnitzt. Im inneren Thorbogen erschien jetzt etwas, bei welchem dem Viktel zum Erschrecken und zum Lachen zugleich war. Ein Mann, der das Gesicht voll Bart hatte und einen versilberten Pelz trug und einen goldenen Stab mit einem mächtig funkelnden Knopf in der Hand hielt. Dieser Mann – das Mädchen war ungewiß darüber, ob es nicht schon der Prinz wäre, daher machte es einen tiefen Knix – besah das Papier und wies das Mädchen über eine breite Treppe hinauf, die mit einem buntfarbigen Teppich belegt war. Die junge Dienstmagd aus dem Leeshofe wußte nicht recht, wo man da gehe, einestheils that ihr der weiche Teppich leid, darauf zu treten, anderntheils waren an beiden Seiten die Steinstufen so glatt, daß man ausgleiten konnte. So stieg sie mit einem Fuß auf den Teppich und mit dem andern auf den nackten Marmor. Ihr Herz pochte heftig, aber sie war entschlossen, sich durch nichts irre machen zu lassen und aufrichtig zu sein. Wenn der Mensch – so dachte sie – nichts Schlechtes auf dem Gewissen hat, so kann ihm auch im Prinzenschloß nichts geschehen.

Im Saale trat ihr ein dickes, schwarz gekleidetes Herrchen entgegen, das eine sehr hohe Glatze und einen kurzgeschnittenen weißen Vollbart hatte. Sein Gesicht war roth und blatternarbig, seine Nase weidlich kupfern, aber seine grauen Aeuglein blickten klug und sanft. Er blieb vor dem Mädchen stehen, setzte die Füße mit den funkelnden Stiefeln ein wenig auseinander, legte die Arme auf den Rücken und sagte mit freundlicher, aber immerhin etwas schnarrender Stimme: „Also Sie sind die Lebensretterin! Die Viktoria Zimmermann aus Breitegg!“

„Ich heiße so und bin aus der Breitegger Pfarr’,“ antwortete das Viktel, „aber wenn der Herr Du zu mir wollt’ sagen, so wär’s mir lieber.“

„Kann gern’ geschehen, Du fein’ Mädel,“ lächelte das Herrchen, „und jetzt komme einmal mit mir da herein; kannst ein wenig Toilette machen, wenn Du willst, ich werde Dich hernach zu Seiner Hoheit führen.“

Was soll ich da machen?“ fragte sie, als sie mit ihm in ein schönes, lichtes Zimmer trat. Plötzlich blieb sie mitten auf dem Boden stehen und starrte auf ein Gemälde hin, das an der Wand hing. Es stellte in Lebensgröße das Haupt jenes Mannes dar, der ihr vor ein paar Wochen den Ring an den Finger gesteckt hatte.

„Meiner Tag!“ hauchte sie, „jetzt was ich derschrocken bin! G’rad wie lebig! G’rad wie lebig! – Wer ist er denn?

„Der da auf dem Bildniß? Den sollst Du ja kennen; hast ihm doch das Leben gerettet. Deshalb ließ er Dich kommen. Es ist der Prinz.“