Das Leben siegt.

In den schattenfrischen Thalgründen des oberen Jiller steht so manches alte Mauerwerk, an dem bedächtige Geschichtsforscher, magere Sagensammler und langhaarige Maler hin und her klettern wie Steinböcke und Gemsen im Gefelse, nur daß sie nicht ganz so behendig sind. Ritterburgen und Räubernester! ’s ist ein gar so dankbarer Stoff allerwege, zumal, da diese Dinge heutzutage nicht mehr so herrisch und gefährlich sind, wie voreinst in der guten alten Zeit – Gott habe sie selig!

Da giebt es aber doch in den schattenfrischen Gründen des oberen Jiller eine Ruine, die völlig unbekannt und verlassen ist. Sehr viel Haselnußgebüsch umwuchert das graue, zerklüftete und zerbröckelnde Mauerwerk, und wenn die Haselnüsse reifen, so sind zumeist die Spechte und anderen Knacker schon davon und die Dingelchen fallen nieder durch das gilbende Blätterwerk und kollern auf das Gestein und bleiben liegen im Schutt und in den Rissen: „Ist Niemand da, der Haselnüsse mag?“

– ’s ist Niemand da. Die schönen jungen Frauen, die voreinstmal, als hier noch der große stolze Bau stand, darin gelebt haben, hätten gerne bisweilen ein wenig so Nüsse geknackt, aber da sind solche noch nicht gewachsen an den Wänden, in den Höfen, in der Kapelle und in den Zellen des Nonnenklosters Taubenzell. Und wollten die gottseligen Jungfrauen dergleichen wilde, aber deswegen doch süße Früchte nagen, so durften sie sich den kleinen Gang hinaus in den Hirschwald nicht verdrießen lassen. Da oben war Haselnußgesträuche so dicht und voll als man es nur wünschen konnte, und der Thierlein gab es auch so manche, die im Moose krochen, im Strauchwerk raschelten, in den Lüften flogen und den gottseligen Jungfrauen zur Kurzweil waren.

So war es auch einmal am Tage der heiligen Edeltrudis; die Haselnußbüsche setzten erst ihre kleinen Knösplein an, denn es war der Rosenmonat und zum Reifen lange noch Zeit. Aus dem Engthale, in dem das Kloster stand, stieg ein halb Dutzend Nönnlein hinan gegen den Hirschwald; – jede hatte ihren dunkelgrauen Habit mit der weißen Busenbinde und dem braunen Rosenkranz; jede hatte ihren Capuchon, den sie aber heute über den Nacken hinabhängen ließen oder gar als Sack für die Sammelfrüchte benutzten. Und jede hatte auch einen recht zierlich geflochtenen Korb an die Seite gebunden, denn sie gingen aus, um Schwämme zu suchen und Erdbeeren zu finden. Sie hatten von der Oberin die Grenze vorgeschrieben, über die sie nicht hinaus durften, um nicht etwa in das Revier der Ritter von Karnguld, oder in ein Bereich zu gelangen, dessen Schwämme und Erdbeeren nicht mehr zum Kloster Taubenzell gehörten. Es waren derlei Maßregeln gar nicht überflüssig, denn die Früchtesammlerinnen waren lauter unerfahrenes Blut, jung, lebendig und wohl auch hübsch. Nur eine war dabei, die einen ganz kleinen Schaden hatte. Dieser Schaden bestand in einem winzigen Härchen; das Härchen stand mitten aus einem Wärzchen hervor, das Wärzchen hinwiederum stand zuhöchst auf der Spitze des Näschens, das sehr anmuthig gewesen wäre, wenn es nicht ein wenig allzu kühn in die Welt hineingeragt hätte, der die junge Nonne doch in Form Rechtens entsagt hatte. – Es steht zwar nicht in den Kloster-Annalen zu lesen, daß dieses Härchen aus dem Nasenwärzlein der hochehrsamen Jungfrau Natalia vormals den jungen Männern so sehr in die Augen gestochen habe, daß sich diese sofort geschlossen, oder anderen Dingen zugestrebt, bis Natalia sich von dem Irdischen zu dem Himmlischen wendete und in die friedsamen Mauern von Taubenzell flüchtete; – aber von der boshaften Welt war derlei thatsächlich behauptet worden. Sei dem wie immer, hoffen wir, daß desweg’ der Jungfrau Lohn im Himmel nicht geschmälert ist.

Wir könnten nun auch noch von den übrigen Früchtesammlerinnen manch’ Erbauliches erzählen, doch möge sich der Leser zumal mit der Versicherung begnügen, daß sie allsämmtlich sehr hübsch und heiter waren.

Eine Einzige jedoch insonderheit; Gudwella hieß sie, die hatte kaum fünfzehnmal gesehen, wie die Kirschen blühen; die war auch noch gar nicht eingemummt in den dunklen Habit der Genossinnen, war erst kurze Zeit als Novize im Kloster Taubenzell. Sie trug ihr luftiges, lichtbuntes Kleidchen, in dem sie wie ein kleiner Schmetterling neben den grauen Puppen flatterte. Sie hüpfte über jede Hecke, stieg auf jeden Stein, predigte, äffte hierin den alten Klosterkaplan, so daß die Genossinnen in die Händchen klatschten. Dann wieder beugte sie sich zu einem Waldmeisterblümchen, hob davor den Finger und sprach: „Ich könnt’ es wohl, aber merk’, ich brech’ dir nicht den Hals. Wachse brav, bist du groß, so wirst mein Mann, will einen Waldmeister han!“ Auch spielte die Kleine Versteckens und wußte wie ein Rehlein hinter jegliches Laubwerk zu schlüpfen, und während sie die Anderen etwa unter dem Erlbusch suchten, war sie längst hinter dem Hagebuttenstrauch, oder in den Haselstauden, oder hinter den Johannisbeerblüthen. Plötzlich rief sie aus einer Bachweide her: „Schwester Natalia lobesam, komm’ mal her und hol’ Dir diesen schönen Blattpilz!“ – Und als die Schwester herbeieilte, um sich nach der Gabe Gottes zu bücken, da that sie jählings einen kreischenden Schrei und huschte hintan. Der Blattpilz war ein junger Laubfrosch gewesen, und der wäre dem tugendsamen Mägdlein schier mit allen Vieren in das Antlitz gesprungen. Die Genossinnen lachten laut und Gudwella kicherte hinter den Weiden.