So kamen sie immer tiefer in den schattendunkeln Wald hinein, und zu allem rieselte der laue Sommerhauch in den Blättern, die in Millionen Scheibchen und Herzchen auf dem Gezweige wiegten, da und dort ein übermüthiger Falter, ein schalkhaft Vöglein darunter. Das Haidekraut mit seinen lieblichen Blüthenkrönchen und winzigen Staubgefäßen wurde auch immer höher und die Nonnen mußten mit ihren weißen Händchen die grauen Kutten baß emporheben, wollten sie nicht hängen bleiben im Gestrüppe. Gudwella, welche in solchen Fällen immer die Anschicksamste war, hatte ihr ohnehin nicht sehr langes Kleidchen ein- für allemal mit einem buchenzweig’nen Gürtel so hoch hinangeschnallt, daß nachgerade jegliche Gefahr für den Saum beseitigt war. Bald thaten ihr das auch die Anderen nach, und nun hatte jede ihren flatternden Laubkranz um die Hüften, und manch’ Eidechslein unter dem Kraut stand verwundert still, die neue handsame Tracht der Nonnen von Taubenzell betrachtend.

Der Schwämme wollten sich nur wenige finden und so hüpften die Nönnlein immer weiter waldeinwärts und kamen endlich gegen eine Schlucht, in der ein Wasser rauschte, und in der es so finster war, daß die paar Sonnenpunkte, die sich doch durch die dichten Laubkronen Bahn gebrochen hatten, auf dem braunen Moosboden dalagen wie blinkende Dukatlein.

Gudwella, der sich in der Hitze der lustigen Waldwanderung das Gesichtchen geröthet und das goldfarbige Haar gelöst hatte, war immer die Erste voran. Jetzt aber stand sie plötzlich vor einem blühenden Dornstrauch still, legte ein Händchen an den Mund und winkte mit der anderen Hand ihren nachfolgenden Gefährtinnen, daß sie leise herankommen und keinen Laut von sich geben sollten. Das hielten sie denn auch so und schlichen ganz behutsam gegen den Dornenstrauch, begierig auf ein Vogelnestchen, das sie darin zu sehen hofften.

Indeß meinte Gudwella ganz etwas Anderes. Sie guckte in den Strauch, und zwischen den Blättern und Rosen desselben auf der anderen Seite wieder hinaus, sie sah in die Schlucht hinab, in der das Wasser rauschte. Und dort war zwischen bemoostem Gestein, welches in Wänden den schattigen Raum umfriedete, eine Stelle, an der das Wasser ganz ruhig stand, und sehr klar und tief zu sein schien. Und in diesem versteckten Wasser war etwas, weswegen Gudwella so angelegentlich in den wilden Rosenstrauch lugte.

In dem Wasser, das zwischen dem Gestein ruhig stand, plätscherten die schlanken weißen Glieder eines schönen Knaben, der sich badete. Die Mädchenschaar riß ihr ganzes Dutzend Augen auf und spähte in die Schlucht und ergötzte sich höchlich an dem schönen Haupte mit den kohlschwarzen Augen, in denen etwas ganz Unbeschreibbares, fast wie Thau und Feuer lag, ergötzten sich an den dunkeln Lockenschlangen, die sich völlig bis zu den breiten Schultern hinabschlängelten, ergötzten sich an den ein bischen aufgeworfenen kirschrothen Lippen, hinter welchen zuweilen das Schneeweiß der Zähne hervorblinkte, an dem feinen Kinne, an den zarten, schier fraulichen Wangen, an der kühnen weißen Stirne; ergötzten sich endlich an den behendigen Armen, an der hohen, ebenmäßig schönen Brust, über die ein dunkles Schattchen ging. Jählings aber plätscherte es heftig im Wasser und die Jungfrauen stoben zurück.

Wie eine erschreckte Taubenschaar waren sie auseinander gefahren und drehten sich jetzt schier verwirrt im Kreise und wußten nicht, wohin mit den Augen. Keine brachte ein Wort hervor. Jede hub eilig an, Schwämme zu suchen im Gebüsche, wo seit der Welt Erschaffung kein einziger noch gewachsen. Vor jedem grünen Heupferdchen und vor jedem Käfer im Grase schraken sie zurück. Hernach huben sie selbander an zu kichern und schließlich schlichen sie wieder gegen den Dornstrauch, um doch die schönen lichten Röslein zu betrachten, und die gelben klebrigen Fädchen, die inmitten derselben hervorstanden und im Lufthauche gar leise wiegten. Auch waren die kleinen länglichen Blätter so frisch grün und hatten so fein gezackte Ränder, und am holdseligsten waren doch noch die Knöspchen, aus denen schon ein wenig das Roth der Blüthe guckte. – Ja, so ein Dornstrauch ist eigentlich ganz wunderbar schön, wer ihn recht mag besehen! Und die braunen schlanken Zweige, und die scharfen, halb verborgenen Dörnchen daran – man muß sich ja nicht immer davon stechen lassen! –

Der Edelknabe Rodam hatte wohl nicht geahnt, daß Liebhaberinnen des Dornstrauches so nahe waren; er hatte sich in aller Behaglichkeit und Lust im Wasser gewiegt, gerenkt, gehoben, hatte seine geschmeidigen Glieder gestreckt nach allen Seiten, hatte selbst ein paar prächtige Purzelbäume geschlagen in der krystall’nen Fluth – bis er endlich, des Vergnügens satt, auf den Moosteppich des Ufers sprang und dort noch unterschiedliche Kurzweil trieb, ehevor er in seine schmucken Kleider schlüpfte.

Und als er nun so in seinem grauen, stets knapp geschnittenen Tuche, das kirschrothe Seidenwamms und das blaue Mäntelchen um sich geworfen, das Sammtbaretlein keck in die Stirne gedrückt und selbst einen zierlichen Degen schon an den Lenden, dahin sprang über Gestein und Gebüsch, wie ein junger Hirsch, der sich an der Quelle gelabt hat – da gab es nichts Besonderes mehr am Dornenstrauch, da blickten die Nönnchen dem flinken und heiteren Jungen nach, bis er, im Dickichte verschwunden, dem Schlosse der Ritter von Kernguld zueilte.

Und da sonach nichts mehr zu sehen war ringsum, als das aufquellende und webende Leben der Wildniß und das dunkle Wasser in der Schlucht, da schrie Gudwella: „Jetzt weiß ich’s, jetzt geh’ ich in’s Wasser und lern’ das Schwimmen!“ Da jauchzten ihr alle Anderen zu und sagten dasselbe; allein das Mädchen war bereits davon gehüpft, hatte flugs sein Röcklein hingeworfen und war mit einem hellen Juhschrei in den Dumpf gesprungen, in welchem kurz vorhin der Edelknabe geplätschert hatte. Sie wogte lustig hin und wieder, streckte die zarten Arme nach den Wellen aus, die sie selbst geschlagen hatte, und goß diese Wellen über ihr Haupt. Nun kamen auch die Genossinnen herbei, da schrie Gudwella: „Nichts, da ist nur Platz für Eins, geht ihr dort unten!“ Und sie schlug so heftig um sich, daß die Anderen dem Gischten nicht nahen konnten, wollten sie nicht mit pudelnassem Habit in’s Kloster zurückkehren.