Das hat die fünf Jungfrauen gewaltiglich verdrossen, denn just hier in diesem Dumpfe hätten sie sich an der weichen Kühle zu erquicken gewünscht.
„Wißt Ihr was, Schwestern“, sagte nun Natalia, die Jungfrau mit dem Härchen, „jetzt wollen wir Anderen gar nicht baden. Und es schickt sich auch nicht, und wir wollen es der Oberin sagen, was diese Gudwella für ein ungesittig Mädchen ist. Jetzt aber eilen wir fürweg, sie mag allein sehen, wie sie ihre Schwämme findet.“
Deß waren die Uebrigen einverstanden. Sie waren nicht sonderliche Freundinnen der toll-heiteren Gudwella, die Jeder gern ein Schnippchen schlug und trotzdem vor der Oberin der Hahn im Korbe war, gleichwohl sie noch ein Küchlein im Ei und lange noch nicht genug Fähigkeit hatte, ja vielleicht niemals haben würde, wie solche von einer tugendsamen Schwester im Kloster Taubenzell wohl verlangt wird.
Die Nonnen von Taubenzell hatten keine Obliegenheiten, die sie noch mit der Welt verbunden hätten, sie lehrten nicht etwa verwahrlosten Bettelkindern das Lesen und Schreiben, noch weniger drängten sie sich an die Betten verwundeter Krieger oder anderer Kranken, trieben auch nicht Ackerbau, noch anderes Gewerbe, wie solche Dinge so gerne den Geist vom Himmlischen ablenken. Das Kloster war von einem frommen Könige gestiftet worden, der selbst zuweilen nicht ungerne durch die neu angelegten Gärten und Lauben schritt und die sittsamen Jungfrauen mit väterlichem Wohlgefallen betrachtete, Gott dankend, daß er nicht in jener heidnischen Religion geboren war, in welcher die Könige ihren wohlgearteten Frauen nicht Klöster, sondern Harems anlegen. – Es war eine hohe Grundsumme für die Anstalt hinterlegt worden; außerdem mußte jede eintretende Novize ihr gutes Schärflein mitbringen, und nebstbei waren alle Güter und Höfe in weiter Runde dem Kloster gabpflichtig, alljährlich gingen der älteren Schwestern dreie mit großen Körben und Säcken hausiren, um die Gaben einzuheimsen. Was ferner Gott in den Gärten und im Hirschwalde wild wachsen ließ, das sammelten die in so vieler Hinsicht bienenfleißigen Nonnen auch ein – und so ließ sich auf bequeme Weise ein recht frommes Leben führen und mit Gebet, Gesang und erbaulichen Betrachtungen dem Himmel zustreben.
Es waren wohl auch strenge Satzungen aufgeschrieben, um die Sittsamkeit, sonderlich die Keuschheit zu hüten, die indeß, wie jedes Meistergesetz, nach Bedarf und Umständen gewendet werden konnten. Das Bedenkliche dabei war nur, daß zu Sittenrichtern und Vollstreckern der Strafurtheile stets die älteren Jungfrauen, die Patriarchinnen sozusagen, bestimmt waren. Die irdische Gerechtigkeit kennt keine strengeren und unerbittlicheren Richter, als derlei gottselige Matronen, die niemals gefallen zu sein glauben, oder den Fall zu verheimlichen wissen, oder desselben selbst vergessen haben.
Es lebten an die dreißig Jungfrauen in den Mauern zu Taubenzell, die der Sage nach thatsächlich so unschuldig wie die Tauben gewesen sein sollen.
Doch hatte sich einmal – es war etwa sechzehn Jahre vor den hier erzählten Begebenheiten – etwas sehr Besonderes ereignet. Der Wolf im Hag genannt, das war der Besitzer der Hageburg, eines großen Gehöftes jenseits des Berges, ein kräftiger herrischer Mann, hatte eine Nonne aus Taubenzell entführt. Es war dabei keine Vermummung und keine Strickleiter und kein Mauerdurchbruch in Anwendung gekommen, denn die Nonne ging gern, ging von selbst, kam ihm schon auf dem halben Wege entgegen. Sie hatte es bei Zeiten eingesehen, daß ihr jung’ Fleisch und Blut nicht just ausschließlich für’s Beten und Singen gemacht, sondern auch für Gottes liebe Geschöpfe tauglich war; und da war es ihr einmal in den Sinn gekommen, unseren Herrgott könnte es leichtlich verdrießen, wenn sie ihre Talente vergrabe und nicht anwende und ausnütze, wie andere Leute die ihren. Ließ sie sich denn von dem Wolf im Hag gern entführen, und bald war auch die Hochzeit vorbei. Als aber das erste Kind, ein Mädchen, zur Welt kam, da starb das Weib; und als dieses Kind gegen das jungfräuliche Alter schritt, da erfaßte den Mann und Vater jählings der Geist der Frömmigkeit. Er war einer langwierigen Krankheit verfallen, und da er in derselben die Nächte hindurch oft schlaflos in seinem einsamen Bette lag, gleichwohl von jeglichem Ungeziefer verschont, hub doch das Gewissen an, ihn zu beißen. Er kam sich gar entsetzlich lasterhaft vor. Insonderheit quälte ihn der Gedanke, daß er sein verstorbenes Weib dem Kloster entlockt und es dergestalt leichtlich der ewigen Verdammniß zugeführt habe. Und wenn der Kranke doch in einen Schlummer fiel, so war er in demselben sehr unruhig und es erschien ihm im Traume sein Weib in einer Gestalt, welche die Muthmaßung von der Verdammniß nur bestätigte. Darüber fragte der Wolf im Hag einen Priester, und dieser gab ihm zu verstehen, zu Beider, seines und seines Weibes Seelenheil und Sicherheit sei es allerdings räthlich, daß etwas gethan, daß nämlich dem lieben Gott ein ihm geraubtes Schäflein wieder zurückgegeben werde. Das verstand der Wolf und er entschloß sich, sein einzig Kind, sein Töchterlein Gudwella in jenes Kloster zu stellen, aus welchem er sein Weib gezogen hatte. Das heitere, tollwitzige Kind, das trotz einem Knaben den Finken und Goldamseln nachstöberte, die Forellen und Krebse mit bloßen Händen aus dem Waldbache fing, dem kein Graben zu tief und keine Hecke zu hoch war, das mit allen Wesen der Erde seinen Schabernack trieb, sich selbst dabei zum Pfande einsetzte und in allen Lagen seine unbändige Lebhaftigkeit und gutmüthige Lustigkeit bewahrte – dieses Weltkind sollte nun in’s Kloster gehen. Doch war es beschlossen, und daraus machte sich Niemand weniger etwas, als Gudwella selber. Das Mädchen freute sich ordentlich auf das viele Beten und Singen, weil es mit seiner schallenden Stimme alle anderen Klosterfrauen leichtlich zu überschreien hoffte. Das Mädchen nahm sich vor, im Kloster mit beiden Händen fromm zu sein, und zeitweilig auch noch mit den Füßen nachzuhelfen, kurz, in den Mauern zu Taubenzell ein recht lustiges Leben zu führen.
Hat’s auch so gehalten, die kleine Jungfrau Gudwella, und gleichwohl in Zucht und Strenge gehalten, zu ernsten Betrachtungen und trübseligen Dingen angeleitet, war doch nichts, wovor Gudwella zurückschreckte; sie war in Allem dabei und mitten d’rin, und sie verstand Allem die leichte und heitere Seite abzugewinnen, und war immer vergnügt, oft ausgelassen, während sie sonst Jegliches zur Zufriedenheit der Oberin verrichtete.
Wir haben ihre Art heute auf dem Waldwege bereits ein wenig kennen gelernt.