Als Gudwella sich nun einsam in dem dunklen stillen Wasser sah, in welchem vorhin der Edelknabe geschwommen war, da trat sie etwas Eigenes an, sie wußte nicht, wie ihr war, was sie sollte; es kam ihr vor, als müsse sie in dem Gewässer noch die Wärme empfinden, die der Knabe in ihm zurückgelassen hatte. – Ihr Uebermuth war völlig geschwunden, es ging ihr durch’s Mark, schier als ob ein seltsam Gift in den Tropfen wäre. Sie rang mit den Wellen, an ihren Busen wollten diese sich legen wie Blei und Glut. Sie war in Gefahr unterzusinken, da schrie sie plötzlich: „Dieses Wasser ist verhext!“ und schwang sich an das Ufer.

Zitternd zog sie die Linnen an, die vom Gischten naß geworden waren, so daß dieselben sich nun glatt und weich um die Formen ihrer Glieder schmiegten und dermaßen wohl auch das Wandeln erschwerten.

Sie irrte im Walde umher und war in sich verloren; sie horchte dem Wasserrauschen und erschrak wieder vor demselben. Ein weißes, verlaufenes Kaninchen fing sie ein, setzte sich damit auf das Gras und hub es auf ihren Schoß. Das Thierchen glotzte sie mit seinen rothen Augen treuherzig an und zog fortwährend sein Näschen aus und ein. Dann erhob sie sich, stellte das Kaninchen auf ihre linke Achsel und sagte: „Pst, da oben bleibst jetzt hocken und muckst dich nicht!“ Darauf fand sie reife Erdbeeren, pflückte dieselben in ihr Körbchen, und das Thierchen saß wirklich ganz ruhig auf ihrer Schulter, nur daß es ein klein wenig an dem feuchten Lockenhaar nagte und zupfte und dabei recht aufgeweckt seine langen Ohren spitzte.

Als Gudwella endlich dem Thale des Klosters zuhüpfte, hatte sie ihre tollwitzige Laune vollständig wieder gewonnen und versuchte, ob das Kaninchen zur Feier ihres Einzuges in die geweihten Mauern denn nicht auf dem Scheitel ihres Hauptes hocken wolle. Und richtig, mit solch’ lebendigem Haarschmucke schritt nun das Mädchen schalkhaft bedächtig in das Refectorium ein, in welchem die graue Gemeinde der Nonnen bereits beim Mahle zusammen saß.

Jetzt aber erhob sich eine ältere Schwester von ihrem hochlehnigen Sessel, winkte, ohne auch nur ein einziges Wörtchen zu sagen, dem Mädchen zu, umzukehren, und trieb dieses in wahrer Form zur Thür hinaus.

Einige Stunden später saß Gudwella auf dem Sünderbänklein in der grauen Halle; und alle Schwestern waren in diesem Raum versammelt, aber jede hielt sich fern von der weltlustvollen Tochter des Wolf im Hag, über die nun das Gottesgericht hereinbrechen sollte.

Bald kam die Oberin herangeschwebt; sie hielt ihr betagtes Haupt aufrechter, als sonst; ihre linke Hand legte sie an die Brust, über welche ein goldenes Kreuz hing, die Rechte hielt sie etwas gehoben, um mit derselben den Gruß zu winken. Gemessen und streng stand sie nun da. Noch hatte sie keinen Blick auf das Mädchen geworfen, das auf der Sünderbank saß und nicht recht wußte, was es heute für ein Gesichtchen ziehen, ob es ausnahmsweise einmal ganz ruhig und feierlich sitzen bleiben, oder ob es sich behendig erheben und der Aebtissin ihre heiteren und zierlichen Grüße machen sollte.

Die Oberin wendete sich an die Reihen der Nonnen und hub an so zu reden: „Liebwerthe Schwestern! Wir hatten gehofft, eher in das Grab steigen zu dürfen, als ein Unglück zu erleben, wie ein solches über unser gottgeweihtes Haus hereingebrochen ist. Wohl war uns seit geraumer Zeit schon bekannt, daß ein Weltkind in unseren Mauern weile, für dessen Heil wir stets den Segen des Himmels erflehten; aber wir haben nicht gewußt, daß eine gefährliche Sünderin in unserer Mitte lebe, die, weil mit mancher bestechenden Eigenschaft ausgestattet, leichtlich Verderben und das schrecklichste Unheil über unsere theuere Gemeinschaft bringen könnte. Gottes Rathschluß hat uns aber die Gefahr gnädigst aufgedeckt, freilich durch ein Vorkommniß, das wir tief bedauern, durch ein Aergerniß, das uns erschüttert hat. Möge das gedachte Wesen Gott danken, daß es noch nicht die ewige, sondern vormal nur die irdische Strafe ist, der es anheimgefallen. Die Satzungen unseres heiligen Ordens haben für eine so gröbliche Uebertretung der Tugend kaum eine Sühne, sondern den unmittelbaren Ausstoß aus unserem Hause. Da wir aber zu Gott hoffen, daß er das so junge, leichtfertige Weltgeschöpf noch erleuchten werde, so wollen wir demselben Gelegenheit geben, sein schweres Fehl in unseren Mauern zu büßen. Wir ordnen zu Recht, daß die Novize, Gudwella genannt, die Tochter des Wolf im Gehage, vom Feste der Apostelfürsten Petrus und Paulus an drei Tage und drei Nächte hinter zweifachen Thüren in die stille Herberge verschlossen werde.“

Ein Schauern ging durch den Kreis der Schwestern, und selbst Natalia, die Jungfrau mit dem Härchen, erblaßte.