Die stille Herberge, das war kein trauter Ort, das war eine Kammer unten im alten, verlassenen Meierhofe, der am Rande des Gottesackers stand, in dem die alten Rüst- und Folterwerkzeuge aufbewahrt lagen, in dem das Beinhaus und auch die Wohnung des Todtengräbers war. Die stille Herberge, die zudem noch mit gar seltsamen Geräthen ausgestattet war, diente dem Kloster Taubenzell zur Bußkammer. Der Meierhof stand eine Strecke abseits vom Kloster in einem verwilderten Hain von Erlen, Birken und blassen Weiden.

Als Gudwella gemerkt, daß sie der Gegenstand der Versammlung im grauen Saale war, hatte sie sofort sehr aufmerksam der Rede der Oberin zugehört, und war wirklich ein wenig erschrocken, als von einer Sünderin verlautet wurde, die in die stille Herberge müsse. Sie kannte die stille Herberge vom Vorübergehen; da hatte sie einmal durch das Gitterfensterchen hineingeguckt und aus Vorwitz laut gefragt, ob Niemand daheim sei, bis sie einen offenen Sarg gesehen, der für die Büßerinnen als Bettstatt bestimmt war.

„Je, dies Bett wär’ mir viel zu klein!“ hatte sie hierauf hell gerufen und war davongehüpft. –

„Ist das, weil ich mich oben im Wald gebadet habe?“ fragte jetzt die verurtheilte Novize eine Nebenstehende, die aber sogleich zurückwich und keine Antwort gab.

„Ehrwürdige Frau Oberin“, sagte Gudwella hernach zur Aebtissin, die auf ihrem Platze noch stehen geblieben war, „warum zu Peter und Pauli erst? Muß es schon sein, so will ich gleich in den Kotter hinein, daß ich bald wieder herauskommen kann.“

Ueber diese Bemerkung war ein großer Theil der Schwestern entrüstet. Die Oberin richtete sich noch höher auf. Sie hatte erwartet, daß das Weltkind einen Fußfall thun und um Gnade flehen werde, die sie denn vielleicht bereit war, auch zu geben. Nun ihr aber diese neuerliche Leichtfertigkeit, dieser schier gotteslästerliche Trotz entgegentrat, war sie sofort fest entschlossen, das strenge Urtheil, wie es noch selten zu Taubenzell gefällt worden, an Gudwella auszuführen.

Nun vergingen noch der Tage sechs, da war Peter und Paul. Von den betagtesten drei Schwestern wurde die Tochter des Wolf im Hag zum Meierhof geleitet, von dem nur das finstergraue Giebeldach über das hochwuchernde Baum- und Buschwerk emporragte.

Der Todtengräber, ein alter, vierschrötiger Mann, mit Knochen so knorrig und wuchtig, als hätte er dieselben im alten Beinhause eigens für sich herausgemustert, hatte bereits von Allem Kenntniß, über Alles Auftrag. Der nahm nun die Jungfrau an der Hand, blickte ihr mit seinen grauen, alterstrüben Aeuglein in das Antlitz und murmelte: „Beim Kreuz, das ist einmal eine Sünderin, die sich gewaschen hat!“ Und er führte sie durch einen niedrigen Thorbogen, an dem der Epheu rankte, führte sie durch einen öden Hof, in welchem dort und da ein Fensterlein mit eisernen Balken war, aus dessen weiten Fugen aber nichts als graue Heuhalme hingen. Dann führte er das Mädchen einen finsteren Gang entlang, schloß ein Thor auf und hinter sich wieder zu, führte das Mädchen durch einen zweiten Gang, in welchem Holzmodergeruch wehte, schloß endlich wieder ein Thor auf und sagte: „Nichts für ungut, ich hab’ das Stüblein recht gelüftet; da sind die Bücher, da ist der Betschemmel, da ist das Lager, da ist das Brot; das Wasser werde ich noch bringen.“

Die Flügelfenster mit den kleinen, sechseckigen Scheibchen standen offen; vor dem Eisengitter fächelten die thauigen Zweige einer Birke, zwischen denselben war die Aussicht auf begraste Hügel, über welchen braune und graue Holzkreuzlein ragten. Die Bücher, welche auf einem altarartigen Tischchen lagen, bestanden aus Erbauungsschriften, geziert mit Kupfern aus der Leidensgeschichte der Heiligen. Der Betschemmel war ein eckiger Stein, der aus dem Boden ragte. Als Bettstatt diente ein Sarg, der so grau und wurmstichig war, daß man auf die Vermuthung kommen konnte, er habe schon drei Jahre lang unter der Erde gestanden. Das braune Laibchen des Brotes war das Einzige, was freundlich an das Leben gemahnte. Der irdene Wasserkrug war nun auch herbeigeschafft worden; der Todtengräber sagte: „Drei Tage werden vergehen, wie die siebenundvierzig Jahre vergangen sind, die ich in diesem Hause verlebe. Hab’ manch’ Andere hier hereingeführt, in deren Haut nicht Jede stecken möchte; Ihr ergötzt Euch leichtlich mit Euch selber, luget in den Wasserkrug.“ Sagte es, verschloß die Pforte und schlich durch den hallenden Gang davon.