Kaum war Gudwella allein, so streckte sie die Hand aus dem Fenster, riß einige Birkenzweige ab und schmückte damit ihr Haar sowohl, als auch ihre unheimliche Lagerstatt. Dann blickte sie im Gemache umher, fand aber nichts als die grauen Wände; auf dem bestaubten Ofen lag ein bestaubter Todtenschädel, den schlug sie mit einem Birkenzweig herab, daß er über den Boden kollerte, dann rief sie: „Oho! Hast dir weh gethan!“ Sie wollte den Schädel zum Fenster hinauswerfen, allein das eng geflochtene Gitter ließ ihn nicht durch; da sagte Gudwella: „Siehst du, jetzt haben sie dich auch eingesperrt, und jetzt halten wir zusammen.“
So hatte das Mädchen in der stillen Herberge die erste Bekanntschaft gemacht. Ihr natürlicher Humor, der gute Geselle, war mit ihr in das Gefängniß gegangen; freilich hatte er eine etwas andere Farbe und Tonart, wie da draußen im freien Wald; aber der Schalk war es doch noch immer. – Schließlich wand Gudwella dem Knochenschädel ein Birkenkränzlein um die Stirne: „Könntest ja mein Bräutigam geworden sein, wenn du nicht wahrscheinlich eine tugendsame Klosterfrau gewesen wärest....“
Aber für die Länge unterhält sich’s mit einem Todtenkopf nicht recht possirlich, und als der Tag vorüberging und von der reichen, heiteren Welt draußen nicht einmal eine Mücke zum Fenster hereingeflogen war, dachte Gudwella an das Wort des Todtengräbers: „Ihr ergötzt Euch leichtlich mit Euch selber, luget in den Wasserkrug!“ – Im Wasserkrug war Wasser: sie lugte doch hinein, ob der gute Mann nicht etwa süßen Meth in denselben gethan habe. Es war Wasser, jedoch, im dunklen Spiegel desselben war ein rosig’ Köpfchen gezeichnet und gemalt – ihr eigen’ Angesicht lächelte ihr entgegen und zeigte die weißen Zähnchen und die hellen Aeuglein und das zierliche Näschen, das glatt und sauber war über und über, und auf dem kein böses Haar stand. – Das machte ihr vielen Spaß, und sie blies in den Wasserspiegel, daß alle Theile des Gesichtchens wie Quecksilber zitterten, und darüber lachte sie hell und ergötzte sich.
So war der erste Tag vergangen. Aber die erste Nacht? Im Sarge lag Stroh: Gudwella warf es nicht heraus, um sich auf dem kalten Boden ein Lager zu bereiten. „Vor dir fürchte ich mich schon lange nicht“, hatte sie zum Sarge gesagt, „du bist auch im grünen Walde gewachsen, wie ich.“
In der Abenddämmerung blickte sie noch hinaus in das Freie, wo Fledermäuse flatterten und Johanniswürmchen schimmerten. Zwischen den Kreuzen huschte es wie eine dunkle Gestalt dahin....
Gudwella schloß das Fenster.
Der Edelknabe hieß Rodam. Er war ein Sohn der ritterlichen Krimburger und hatte sich bislang im Kerngulder Schlosse als Page der Jugend erfreut. Er hatte hier die Feinheit und Sittigkeit der Frauen und die Tapferkeit und den Edelmuth der Männer gesehen. Er hatte der schönen Schloßfrau den Becher goldbraunen Methes kredenzt, er hatte dem Herrn das funkelnde Schwert an die Seite geschnallt. Er hatte die Armbrust im Walde geführt, er hatte gelernt, das feurige Roß zu zähmen. So hatte es sein Herr Vater gewollt und freute sich seines kräftigen und wohlgestalteten Sohnes, der nun im Kerngulder Schlosse zum Ritter geschlagen in die heimatliche Burg zurückkehren sollte.
Inzwischen jedoch ereignete sich die Geschichte, die hier erzählt wird.