Am Vortage seiner Ritterweihe zog Rodam noch durch den Wald, durch den er so oft gewandelt und geritten war, und von dem er nun Abschied nehmen sollte. So kam er auch zur schattigen Schlucht und zur Wassertiefe, in die er seinen Leib so oft getaucht hatte. Das wollte er auch heute noch einmal thun: die Knabenschaft soll weggeschwemmt, der junge Ritter soll getauft sein in den kalten Fluthen des Waldes.

Am andern Tage aber, kaum eine Stunde danach, als das breite Schwert auf seine Schulter niedergesunken war, vernahm es Rodam bei festlichem Mahle wie eine Mär’, daß im Kloster Taubenzell eine wunderholde Jungfrau zur Gefangenschaft im Todtenhause, die stille Herberge genannt, verurtheilt worden, weil sie sich im Walde gebadet habe an der Stelle, wo vor ihr ein Jüngling im Wasser geschwommen sei.

Als Rodam diesen Bericht vernommen hatte, setzte er seinen silbernen Humpen an den Mund und trank ihn aus.

Und ehe er noch zurückkehrte in seiner Väter Burg, durchstreifte er die Gegend, um die Wahrheit des Gerüchtes zu erproben, umkreiste das Kloster, um die Jungfrau, wie sie ihm beschrieben war, zu sehen. Er sah sie nur von ferne, aber er erfuhr genau die Tage und Nächte ihrer Gefangenschaft. Da sagte er zu sich: „Minnedienst ist Ritterthat! Die Jungfrau, die vielleicht meinetwegen duldet, soll nicht verlassen sein.“

Er faßte der Pläne mehrere. Vor dem Fenster stehen und Lautenspielen zur nächtlichen Weile war ihm zu knabenhaft. Den alten Wart bestechen, wollte ihm nicht recht möglich scheinen; denn der Alte war ein ehrlicher Klotz, der brachte selbst die goldenen Ringlein, so an den ausgegrabenen Gebeinen hingen, den Erben zurück. Aber ehrliche Leute sind ja leichtgläubig, und weil sie nicht betrügen, so müssen sie betrogen werden, damit auch an ihnen des Lebens Gleichgewicht zur Geltung komme. –

Als jedoch am Peter- und Paulitag der Abend nahte, für den Rodam schon so Manches vorbereitet hatte, da stieg eine Nonne nieder vom Klosterhügel und begehrte bei dem alten Gräber Einlaß zur Büßerin, um dem jungen Blute die nächtlichen Stunden zu mildern und ihm Litaneien und Psalmen vorzubeten, so wie es die Oberin befohlen habe.

„Ist einmal ein vernünftig Gebaren das“, brummte der Alte, „sollte es ihr schon nach dem Psalm nicht verlangen, so wird ihr gewiß ein Plauderstündchen willkommen sein.“ Und er geleitete die Schwester durch die Gänge und Pforten in die Zelle der Jungfrau. Dann drehte er knarrend wieder die beiden rostigen Schlösser ein und schritt langsam und schier erleichterten Herzens in sein Stübchen am Haupteingange zurück.

Gudwella, die am Fenster saß, war eben beschäftigt gewesen, aus Brotkrümelchen einen Edelknaben zu kneten; nun hatte sie das Gebilde sofort zwischen sich und der Mauer hinabsinken lassen und blickte verwundert auf die eingetretene Nonne, die im Dunkeln stand und sich kaum regte.

„Ei,“ fragte Gudwella endlich, „habt Ihr auch die Tugend verletzt, daß Ihr hier seid?“