„Ich habe mich auch im Waldwasser geatzt,“ versetzte die Schwester, „und darum bin ich hier.“

Gudwella stutzte. Was war das für eine Stimme? Die kannte sie nicht, die hatte sie im Kloster nie gehört; ein solcher Ton geht nicht aus Frauenmund.

„Jungfrau, ich bitt’ Euch, woll’t mich nicht verdammen,“ sagte jetzt die fremde Gestalt, „wenn es so ist, daß Ihr meinetwegen hier schmachtet, so will ich Euch zur Gesellschaft sein an diesem rüchigen Ort, der für ein so junges und schönes Frauenbild nicht will geschaffen sein. Ich bin Rodam, der Sohn der ritterlichen Krimburger, und selbst zum Ritter geschlagen vor wenigen Tagen im Schlosse der Kerngulder. Ich bin der Knab’, den Ihr in der Bergschlucht mögt gesehen haben, dem Ihr nachgefolgt seid und dessentweg’ Ihr der Freiheit beraubt worden. Jungfrau, ich bitt’ Euch um die Gunst, lasset mich Euer Wächter sein.“

Bei diesen Worten war der Nonnenhabit von der Gestalt niedergesunken und ein junger Rittersmann stand da in herrlicher Schönheit des Leibes und im stolzen Schmucke seiner Würde.

Die Jungfrau saß unbeweglich am Fenster. Es war in der Dunkelheit nicht zu sehen, wie sie erblaßte, wie sie zitterte und wie ihr Aug’ im Zorne glühte. Sie wollte den kühnen Eindringling von sich weisen, sie wollte um Hilfe schreien, allein in ihrer Brust wüthete ein Kampf, den sie bisher noch nie empfunden, und ihre Zunge war wie gelähmt. Endlich sank ihr Haupt und sie hub heftig zu schluchzen an.

Da sank der Ritter auf sein Knie und sagte: „Jungfrau, was soll das bedeuten? Ich versteh’ es nimmer. Ich habe mich verleiten lassen, vielleicht durch Uebermuth, vielleicht durch Eitelkeit, die dem Ritter nicht geziemt; vielleicht wohl auch, weil ich Euere holdsame Gestalt im Garten erblickt. Wie sehr Ihr angelegen mir seid – daß ich um Euretwillen der Ritterehr’ vergessen, zur List gegriffen hab’, das mag’s Euch weisen. Nun bin ich da; am Morgen, wenn der erste Fink wird singen und die Grasmücke zirpen, wird nach der Verabredung der Pförtner wieder erscheinen und die Nonne von dannen geleiten. Rodam aber wird hier auf seinem Knie ruhen die ganze Nacht und Euch anflehen um Verzeihung.“

So sprach der Jüngling. Gudwella aber hatte sich erhoben und das Lichtlein angezündet auf der rostigen Lampe. Rodam hatte eine Kohle aus der Ofennische genommen. „Jungfrau,“ sagte er, „hier mit diesem Griffel ziehe ich einen Kreis auf dem Boden um mich herum; und wenn ich einen Schritt aus diesem Kreise trete, bevor der Pförtner erscheint, so soll mich der große Gott verdammen auf Erden und bei seinem letzten Gerichte!“ Und er zog mit der Kohle einen schwarzen Ring um sich.

Das Mädchen sah ihm dabei zu, dann sagte es leise: „Ist schon recht, das ist der Zauberkreis, und wenn Ihr über denselben hinausspringt, so holt Euch auf der Stell’ der Andere mit den schwarzen Hörnern und mit der glühenden Kette!“

Es war schon wieder die Schalkheit in ihr.