So lebten sie nun; Gudwella saß am Fenster und blickte in die Nacht hinaus auf den stillen Friedhof, der von den hohen Weiden und Birken des Haines umgeben war, und über den die Sternlein des Himmels funkelten. Rodam stand in seinem Kreise wie eine Statue aus Erz; die Linke hatte er an seinen Gürtel gestemmt, in der Rechten hielt er das entblößte Schwert, das er auf den Boden stützte. Die Locken wallten ihm wild um das jugendzarte Gesicht; seine Lippen, über welchen kaum noch der schattende Hauch der Männlichkeit zu verspüren war, hielt er fest geschlossen, sein großes Auge wendete er nicht von dem Mädchen, das zu hüten und zu schützen er gekommen war.
Endlich wollte Gudwella ein wenig ruhen, und als sie sich in den Sarg niederließ, rief sie lustig wie einst durch das Fenster herein: „Je, dies Bett ist mir viel zu eng!“
Das Licht wurde nicht ausgelöscht; da könnte, schloß das Mädchen, der Rittersmann ja seinen Kreis nicht sehen und möchte leichtlich aus Zufall die Grenze überschreiten.
Draußen stand nun der Mond über den schwarzen Wipfeln des Haines, und die Kreuze warfen ihre Schatten über die thaublassen Grashügel, und es war, als ging ein silbernes Spinnengewebe über Alles.
„Geht,“ rief die Jungfrau plötzlich aus ihrem Schreine hervor, „geht, Herr Ritter, laßt Eure schauerliche Weis’ und legt das Schwert aus der Hand, das kann ich nicht leiden.“
Gelassen lehnte Rodam das Schwert an die Mauer, stand aber nichts destoweniger nach wie vor bewegungslos auf seiner Stelle.
Als es aber gegen den Morgen ging und Rodam merkte, daß Gudwella nicht schlummere, sagte er: „Jungfrau, habt Ihr Euch in dieser Nacht gefürchtet?“
„Wovor hätte ich mich fürchten sollen?“ entgegnete das Mädchen, „nicht vor den Todten habe ich mich gefürchtet, weil Ihr dagewesen; und nicht vor Euch habe ich mich gefürchtet, weil die Todten nahe sind.“
„So werde ich in der nächsten Nacht wiederum kommen, um bei Euch zu wachen.“