Auf dieses Wort hatte das Mädchen nichts entgegnet.

Nun mußte draußen schon der Fink singen und die Grasmücke zirpen, im Gange hallten die Schritte des Thorwarts. Rodam hüllte rasch den grauen Habit um, that die dazugehörige Kapuze über das Haupt, und als der Schlüssel im Schlosse knarrte, stieg er aus seinem Kreise und machte eine schier minnesame Verneigung vor der Jungfrau, die sich in ihrem leichten Kleidchen halb auf dem Lager erhoben hatte.

Der schlaftrunkene Alte führte hierauf die Nonne hinaus, schloß die Pforten; und als die letzten Schritte in den Gängen verhallt waren, da fand es Gudwella gar einsam und öd in der Kammer, genannt die stille Herberg.


Am zweiten Tag versuchte es die junge Büßerin, einen großen, roth und blaugefleckten Schmetterling durch das Fenster zu locken, was ihr aber nicht gelang; der schöne Falter setzte sich wohl an ein Birkenreis und lugte ein wenig in das Gemach; der goldlockige Mädchenkopf mochte ihm gefallen, aber die Kammer war ihm zu dunkel und so flatterte er wieder davon. Bald darauf sah Gudwella auf einem Birkenblatte eine schwarze Puppe mit hellrothen Sternchen kleben. „Wart,“ sagte sie freudig, „jetzt bekomme ich aber doch noch einen herein!“ Sie löste das Blatt behutsam ab und legte es in der Kammer auf das Tischchen. Sie legte auch noch andere Blätter dazu, deren sie vom Fenster aus habhaft werden konnte; und sie verwahrte das Püppchen sorgfältig zwischen all’ dem Grünen, und wartete nun, bis das Ding flügge werden sollte.

Es verging der Tag, es kam frisches Brot und frisches Wasser; es ließ sich die Oberin erkundigen, ob die Novize ein besonderes Bedürfniß oder ein Seelenanliegen habe; sie sandte bei dieser Gelegenheit ein Fläschchen erfrischenden Getränkes, welches die Büßerin aber mit einer etwas störrigen Bemerkung zurückschickte. Es kam auch sonst der Alte noch mehrmals in die Kammer, aber der Schmetterling schlüpfte nicht aus.

Und zur späten Abenddämmerung meldete sich wieder die Schwester bei dem Pförtner und verlangte Einlaß zur Büßerin, um dem jungen Blut die nächtlichen Stunden zu mildern und ihm Litaneien und Psalmen vorzubeten, wie es die Oberin befohlen habe.

Der Eintritt war ganz wie in der ersten Nacht, nur daß Gudwella diesmal den Ritter schon erwartet zu haben schien. Sie hatte ein Schnürchen in Bereitschaft, das sie vom Henkel des Fensters bis an die gegenüberliegende Wand so ziehen wollte, daß es die Kammer in zwei Theile schnitt, den einen für Gudwella, den andern für den feinen Rittersmann. Der Kohlenkreis, meinte sie bei sich, sei doch zu eng gezogen und könne gar so leicht übersehen werden in der nächtlichen Dunkelheit, wenn etwa das Oel der Lampe ausginge und das Licht verlösche.

Rodam hatte nichts dagegen einzuwenden. Er legte die Vermummung ab und konnte sich nun in dem ihm angewiesenen Raume etwas freier bewegen, als in der vorigen Nacht.