Gudwella blickte wieder zum Fenster hinaus und sagte auf einmal: „Ei, das ist doch schön, jetzt steigen aus den Gräbern die Funken auf.“

Rodam eilte, um zu sehen. Glühende Johanniswürmchen schwebten über den Hügeln. Gudwella lachte, daß sie durch ihren bildlichen Ausdruck den Ritter an’s Fenster gelockt habe. Der Jüngling, dem Mädchen einmal so nahe gekommen, wahrte seinen Vortheil, ohne jedoch im Geringsten an die Grenzschnur zu streifen.

Das Mädchen hub an zu schwätzen, erzählte vom Walde, vom heimatlichen Hofe, mischte allerlei kleine Schwänke darunter; dann aber begann es auch an den jungen Rittersmann in recht zierlicher Art unterschiedliche Fragen zu stellen, die er mit Freundlichkeit und Minne beantwortete. Dann sagte sie, wie ihm doch das schwarze, weite Wamms mit den hellrothen Schlitzen über der Brust so gut lasse, aber die obere Schleife, achte sie, müsse er etwas knapper ziehen. Rodam stellte sich an die Schnur und sagte: „Jungfrau Gudwella, ich kann es mit meinen Augen nicht sehen, wie mir die Schleife am Halse steht; ich bitt’ Euch daher, daß Ihr mir sie nach Eurem Ermessen zurechtrücken wolltet.“

Da hob das Mädchen die zarten Hände bis gegen das Kinn seines jungen Hüters, zog die Sammtschleife knapper, ließ sie wieder locker, daß der weiße schlanke Hals ein wenig herauslugte, und band sie dann um so fester und enger zusammen. Rodam versäumte nicht den Augenblick, als nach vollbrachtem Werke die Händchen sanken, um dieselben mit den seinen aufzufangen und minniglich zu küssen. – Dabei nun strich er freilich ein wenig an die Schnur, daß dieselbe bis an ihre Enden hin erzitterte.

Ueber den Wipfeln des Haines stand wieder der Mond und goß, trotz des trübflackernden Lämpchens das weiße Bild des Fensters mit seinen dunklen Rahmen und Gittergewinden auf den Boden der Kammer.

„O nein, Mond“, sagte da Gudwella, „mit dem bloßen Schein bin ich nicht zufrieden, ich will dein ganzes kugelrundes Leiblein bei mir im Kämmerl haben.“

Sofort stellte sie den vollen Wasserkrug an’s Fenster. „Gucket, Herr Ritter,“ rief sie, „da d’rin hockt er jetzt, der Schelm; nur zum Trinken muß man ihm was vorsetzen, gleich ist er da.“

Die ganze Mondscheibe blinkte aus dem schwarzen Grunde des Wassers.

„Ja, der hat’s gut,“ entgegnete Rodam, „der braucht nicht erst die Kleider abzulegen, wenn er badet.“

Gudwella schwieg diesmal. Sie entfernte sich ein wenig von der Schnur, und der Jüngling wog erst jetzt das ausgesprochene Wort, und es war ihm weh’, das reizende Kind verscheucht zu haben. Es war ihm jählings gar schwül in seiner Brust, er schlug den Fensterflügel auf und lehnte sich an die Brüstung.