„Warum thut Ihr das?“ sagte Gudwella, „Ihr müßt das Tuch über’s Haupt legen, wenn Ihr zum Fenster geht.“

„Es schreit der Nachtvogel so stark,“ sagte der Jüngling.

„Der Nachtvogel? Herr Ritter, vielleicht fliegt er herein, daß wir ihn füttern könnten,“ versetzte das Mädchen, welches alles Gethier und selbst die Nachteule um sich versammelt haben wollte. Sie eilte an das Fenster, um zu horchen; und jetzt waren da die beiden Häupter so nahe beisammen, daß Gudwella fühlte, der Rittersmann habe eine heiße Wange, daß Rodam vernahm, wie der Jungfrau das Herzchen schlug. Und da war es plötzlich dem jungen Edelmann, der rechts stand, als ob er den Vogel nur mit seinem linken Ohre höre, dem Mädchen hinwiederum schien es, als ob derselbe zur Rechten schreie – sie wendeten ihre Köpfe, und so fügte es sich, daß jählings die zwei Paar Lippen aneinander glitten....

In demselben Augenblicke hallten draußen im Gange die Schritte eines Nahenden. Es sang noch nicht der Fink, es war erst Mitternacht. Rodam schlüpfte nicht in seine Vermummung, er griff nach dem Schwerte. Gudwella aber erhaschte ein Psalmenbuch, schlug es auf und betete laut im gewohnten Litaneienton:

„Mein Leben wollten sie vertilgen in der Grube, sie legten einen Stein auf mich. Schon schlug das Wasser über meinem Haupte zusammen, ich dachte, es ist aus mit mir. Da rief ich aus des Abgrundes Tiefe, Jehova, Deinen Namen. Du nahtest Dich am Tage, als ich Dich um Hilfe flehte, und sprachst: Fürchte Dich nicht! Du, Herr, führtest die Sache meiner Seele, Du rettetest mein Leben!....“

Als der alte wachsame Todtengräber vor der Thür hörte, daß die Büßerin so bete, und also Alles seine Ordnung haben werde, ging er wieder davon. Gudwella aber erschrak baß über das Klagelied des Jeremias, durch welches sie zufällig ihre eigene Herzensstimmung dem Rittersmanne vorgesungen hatte. – Ihre Seele zitterte, ihr Gemüth war schwer. Ohne noch ein Wort zu sagen, legte sie sich in ihren Schrein.

Rodam stand an der Markschnur, die von der Bewegung bei dem vorigen Ereignisse kaum noch zur Ruhe gekommen war, und seine Gestalt sah wieder einer ehernen Statue gleich; nur sein offenes Antlitz war geröthet, und sein großes, dunkles Auge glühte und wollte sich von der lieblichen Schläferin nimmer wenden.

Draußen jauchzte noch zweimal die Nachteule; des Mondes blasse Tafel auf dem Boden hatte sich gar seltsam gegen den Sarg hin verschoben. Das matte Licht der Lampe war verloschen.

Endlich sang der Fink, zirpte die Grasmücke; der alte Wart kam und geleitete die fromme Schwester von dannen. Und als Gudwella erwachte, war sie allein.