Sie hatte heute keine Schnur gezogen, und auch der Kohlenkreis war verwischt. Als sie die Lampe wollte anzünden, war kein Oel darin. Also bat sie den jungen Rittersmann, daß er auch in dieser Nacht, wie in den vorhergehenden Nächten, ihr tugendsamer und treuer Hort verbleiben möge.

„Meine liebholde Jungfrau,“ antwortete der Jüngling, „Rodam hätte Euch Folgendes zu sagen: Seines Vaters Landgüter sind groß, aber sie haben ihre Grenzen ringsum, und diese Grenzen sind mit Marksteinen besetzt, auf daß der Landmann und der Hirt und der Jäger weiß, wie weit sich das Reich erstrecke. Und so muß auch, schöne Jungfrau Gudwella, Rodam’s Reich in Euerem Gemache eine sichtbare Schranke haben, über die er nicht greifen darf, innerhalb derselben er aber schalten und walten mag nach Lieb’ und Lust. – Ihr seht, mildreiche Maid, dort über den Weiden steht der Mond; er legt seine lichte Tafel auf den Boden dieses Kämmerleins; wollet Ihr es erlauben, daß ich Besitz nehme von diesem hellen Viereck und darin verbleibe die ganze Nacht, und darin schalte und walte nach meinem Belieben?“

„Das will ich Euch gerne gestatten, mein höflicher Rittersmann,“ versetzte Gudwella gemessen, „die Zelle ist nicht groß, und es mag mich daher sehr freuen, daß Euere Ansprüche so bescheiden sind.“

Sie hatte erwartet, daß sich wieder Gelegenheit bieten würde, an seiner vielleicht etwas lockeren Bekleidung Einiges zu ordnen. Nun er dort am Ofen wie eine Bildsäule stand und stehen sollte, war an derlei nicht zu denken.

Gudwella hatte von seiner und ihrer Tugendlichkeit einen hohen Begriff, und dachte an nichts, und wußte von nichts, was es außer derselben etwa noch geben könnte. Aber darin war ihre Weltanschauung im Klaren, daß allzu große Bescheidenheit den Rittersmann nicht ziere. Sie that schweigend ihr Oberkleid ab und legte sich in das bereits völlig traulich gewordene Bettlein. Sie löste ihr Haar, sie legte ihren Arm unter das Haupt; dann rührte sie sich nicht mehr, betete still, träumte, schlief endlich ein. –

Rodam aber stand, stets seines Ritterwortes eingedenk, auf dem silberig schimmernden Viereck. Gar still war es im Kämmerlein und draußen, und das freundliche Rund des Mondes zog so langsam über den Wipfel des Haines dahin.

Einmal bewegte sich die Jungfrau ein wenig und hauchte träumend ein süßes Wort.

Rodam sah zum Boden nieder, auf dem sein helles Reich sich still und sachte der mitternächtigen Himmelsgegend zu bewegte.

Es war eine schwüle Nacht; Rodam mußte am Kinne seine Schleife lockern und sein schwarzes Wamms mit den hellrothen Schlitzen über der Brust. Die reichen Locken seines Hauptes waren ein wenig feucht; einzelne Härchen regten sich und zitterten wie im Hauche eines südlichen Lüftchens. Wer es gesehen hätte: aus den Spitzen dieser Lockenhaare haben blaue, glanzlose Flämmchen gezuckt zur selbigen Stunde.