Rodam dürstete nach einem Schluck Wassers, allein von seiner Stelle aus konnte er den Krug nicht erreichen. Die Spitzen seiner Finger waren kalt, er legte sie an die Stirne, an die glühenden Wangen, an die lechzenden Lippen.

So verging Stunde um Stunde in heißer Glut und in stiller Ruh’. Und als die Mitternacht und ein halb’ Stündchen noch verflossen war, da ereignete es sich, daß Jungfrau Gudwella plötzlich vom Schlummer emporfuhr und einen schweren Schreckhauch that.

Die Augen schlug sie auf, da sah sie über sich das helle silberperlende Rad – und die Tafel des Mondes lag auf ihrem Schreine....

In demselben Augenblicke aber schob sich ein Wolkenstreifen, der lange schon am nächtlichen Himmel stand, vor den Planeten; tiefer Schatten stand im Kämmerlein allerwärts. – Der Jüngling hatte keinen eigenen Boden mehr unter seinen Füßen. Das lichte Bereich war verloren. – – –

Am Morgen, als Rodam wieder davon war, flatterte ein buntes Flämmchen im Kämmerlein umher. Der Schmetterling hatte sich entpuppt.

Und als die Sonne aufging und das Glöcklein schallte oben in der Kapelle des Klosters, da kamen der Schwestern sieben, um die standhafte Büßerin aus ihrem düsteren Gewahrsam zu befreien.

Gudwella schritt mit blassem Antlitz und gelöstem Haar aus der Zelle, und ihr Auge senkte sich demuthsvoll zur Erde.

Da war es zur Stunde, daß der alte Thorwart und Todtengräber einen heiseren Ruf der Ueberraschung ausstieß.

Auf einem hohen, wildschnaubenden Hengste kam herangeritten, genau nach Mannesart im Sattel sitzend, die Schwester im grauen Habit, welche die drei Nächte hintereinander gekommen war, um der Büßerin, dem jungen Blut, die nächtlichen Stunden zu mildern.