Zwei Rößlein und ein Wagen dran. Der Wagen ist gut lackirt und hat einen prächtigen Polstersitz für Zweie. Sitzt aber nur Eines drauf. Thut nichts, der Mensch ist ein bevorzugtes Wesen, kann sich behelfen, dehnen und breiten, zumal, wenn es die genügende Anzahl gut gestärkter Röcke am Leibe hat.
Im Wagen sitzt eine wohlbehäbige und doch wieder rührsame Frau und ihr Angesicht blüht wie eine Pfingstrose im Juli. Wohl, auch im Juli kann eine solche Rose noch sehr schön sein; ein paar Mückenstiche in den Blüthenblättern, ein paar Runzelchen, so fein wie ein Spinnwebfaden – ei, wer wird so genau gucken! – Goldfarbiges Haar ferner – ich meine die Frau im Wagen – und goldfarbige Brauen über den kecken Aeuglein sind nicht zu verachten, und der Wohlduft – ich spreche wieder von der Rose – kann im Juli ganz bestrickend sein. Sie hat – es handelt sich um die Frau – ein schwarzseidenes Kopftuch über, aber nicht am Nacken geknüpft, wie es die Weiber der oberen Gegend tragen, sondern unter dem runden Kinn leicht zusammengebunden, so daß über der glänzenden Stirne das Goldhaar und am Halse die Silberkette mit der vornehm gearbeiteten Schnalle noch zu sehen ist. Ein flammend-rothseidenes Schultertuch mit fliegenden Fransen geht in Form eines ungeheueren Herzens nieder über den ausgebreiteten Busen – ein sinniger Schild vielleicht dessen, was drinnen lebt und webt. –
Wir würden es zwischen den gestauten Kleidern durch kaum bemerken, daß die Frau ein Paar sehr feingestickte, aber fingerlose Handschuhe trägt, wenn sie mit den Händen jetzt nicht auf dem Rücken des alten Kutschers zu trommeln anfinge: „Sind sie denn gar zu nichts nutz, Deine großen Ohren! Aber Michel! Michel! hörst! langsam fahren sollst! Das beutelt Einem ja gottswahrlich die Seel aus dem Leib!“
„Die Seel’?!“ wiederholt der Alte gedehnt, „die Seel’ meinst, Bäuerin? – Ja so, geschlachter fahren soll ich.“
Und es ging langsam.
Da konnte die Frau im Wagen die Arbeiten in den Weinbergen bequemer betrachten. Mancher heiteren Gruppe von Winzern, die nahe der Straße war, grüßte sie mit leutseligem Kopfnicken zu, und wenn Einer seine Mütze schwang, winkte sie sogar mit den Händen.
Jetzt kam glatt neben dem Weg und nahe dem schönen Flusse ein Häuschen mit weißer Mauer und grünen Fensterbalken. Durch die enge Thür eilte Groß und Klein geschäftig aus und ein, wie Bienen bei ihrem Korb. Mit Butten und Plutzern gingen die Erwachsenen die Kellerstiege auf und ab und die Kinder nippten und naschten aus kleinen Töpfchen den trüben, süßen Most der Traube. Unter einem Dachvorsprung des Häuschens ächzte der Preßbaum und man hörte das Rieseln des Saftes. Daneben in einer riesigen Kufe sprang und hüpfte ein Bursche um. Es war ein hübscher Junge voll Leben und Lust. Das dunkle Gelocke seines munter gehobenen Hauptes, der helle Blick – die Farbe des Auges kann für’s erstemal nicht so genau besehen werden – die frischen Wangen, der zarte Flaum an der Oberlippe und die milchweißen Zähne spielten gut zusammen. Nur mit Hemd und Leinenhose war er bekleidet; das Hemd war bis über die Ellbogen, das Beinkleid bis über die Kniee aufgeschlagen.
Die schlanke Gestalt paarte Kraft und Geschmeidigkeit in sich, man sah’s an den kecken und anmuthigen Bewegungen, die der Bursche tanzend und schwingend in der Kufe ausführte. – ’s hat aber auch nicht jeder den Tanzboden so wie dieser Jüngling – er tanzte auf schwellenden Trauben und hochauf spritzte bisweilen ein Tropfen zu dem behendigen Körper.
Aus dem Hause kam ein betagter Mann mit gebeugtem Nacken und grauenden Locken; „Felix,“ brummte er, „das darf nicht sein!“
Das Hupfen und Springen verwies er dem Burschen. Bedachtsam und vorsichtig müssen die Trauben zertreten, zerquetscht werden, ehe sie in die Presse kommen. Das war aber nicht die Sache des lustigen Jungen, der sich lieber in eitel Wein gebadet hätte, als mit den Zehen träge die vollen Beeren zu zerdrücken.