Wieder erhob er seine Stimme. Ein ferner Widerhall antwortete ihm – aber Niemand kam an’s Ufer und die Plätte glitt weiter und weiter. – Plötzlich stieß der Bursche ein „Ah!“ aus. Er sah das beleuchtete Fenster seines Hauses. Das rothe Scheibchen rückte näher – Felix schrie nach allen Kräften seiner Lunge – gar vergebens war’s, es kam Niemand an’s Ufer.
In Feierabendruhe stand das Winzerhäuschen da. Am beleuchteten Fensterchen glitten Schatten vorüber – die Schatten der Personen, die in der Stube hin- und herwandelten. Sie beteten vielleicht eben die Samstagandacht, wobei der Vater mit der Betschnur gerne langsam in der Stube auf- und abschritt. Und die Mutter kniete wohl vor dem schlichten Hausaltare und gedachte des Sohnes, der fort von Heim in einen reichen Hof gegangen war, um dort sein Brot und Glück zu suchen. Sie ahnte gewiß nicht, daß dieser Sohn in Todesnoth auf dem Flusse vorbeizog.
Und der Schiffer rief vergebens. Das traute Haus blieb zurück und das Brücklein schwamm nun ruhig auf der breiten Seim dahin. Dahin und geradewegs den Schrecken der Zollauer Wehr zu.
Im Haupte des Burschen flogen, schwirrten, stürzten in Verwirrung die Gedanken durcheinander. – Jetzt kommt kein Ort, kein Haus mehr bis zur Wehr – Schiffer, Du bist auf Dich selbst gestellt. – Die losgerissenen Stangen erfaßte er und band sie mit den Strohbändern der Flachsballen aneinander. Dann zwängte er auf der Plätte einen der langen Eisennägel locker und riß ihn in Ermanglung einer Zunge mit den Zähnen aus dem Holze. Diesen Nagel schlug er vermittelst eines losen Balkens in das eine Ende der aneinander gebundenen Stangen.
Constanze verfolgte mit steigender Angst das fieberartig hastige Arbeiten des Burschen.
Am Ufer ging ein Weg entlang. Auf diesem Wege flimmerte jetzt ein Lichtlein, klang ein Glöcklein. Beim Scheine zu sehen waren zwei Gestalten, wovon die eine ein Priester im Chorrock, an der Brust das Heiligste tragend. Ein Gang in tiefer Nacht zu einem Schwerkranken.
Felix schrie nicht mehr um Hilfe; vom Ufer aus zu retten, war alle Zeit vorbei. Aber zu dem Mädchen sagte er die Worte: „Constanze, dort tragen sie das hochwürdigste Gut. Sie gehen zu einem Sterbenden, ’leicht magst Du beten....“
Da ahnte sie, daß es sich um Leben und Sterben handle. Sie fiel auf ihre Kniee, und ihr blasses Antlitz matt beschienen von dem am Ufer vorbeizitternden Lichtlein, betete sie....
Felix fuhr, ohne weiter aufzublicken, in seiner Arbeit fort. Brachte er diese in den nächsten Minuten fertig, so konnte es vielleicht noch zum Guten sein – sonst Alles verloren. – Schon hatte er den Eisennagel durch das Holz getrieben, da barst die Stange, der Nagel war wieder locker. Keine Kleinmuth jedoch war in diesem bedeutsamen Augenblicke an dem Burschen bemerkbar. Rasch kehrte er die Stange um, schlug den Nagel am anderen Ende ein – da engte sich schon der Fluß – die letzte Enge vor der Wehr – die Plätte trieb ein wenig gegen das Strauchwerk des rechten Ufers. Der Nagel saß fest – sachte, daß er nicht breche – bog ihn Felix zu einem Haken um, und nun, mit bebender Gier, warf er diesen Anker gegen das Strauchwerk aus. Die Stange war zu kurz. Schon hub die Plätte an, sich wieder vom Ufer zu entfernen; da erfaßte Constanze einen der kurzen Balken, stieß ihn als Ruder in’s Wasser, lenkte so ein paar fußbreit das Fahrzeug nach rechts, und Felix hatte sich mit dem Anker festgehakt im Buschwerk.
Unschwer war nun auf dem hier fast ruhigen Wasser die Plätte an’s Ufer zu ziehen; Constanze und Felix sprangen oder wanden sich vielmehr durch das Gebüsche an’s Land. – Der Bursche stieß einen hellen Juchschrei aus; das Mädchen sank auf die liebe feste Erde hin und weinte Freudenthränen.