Zwei Männer, die aus dem Thale langsam gegen das Haus auf der Bergeshöhe emporsteigen, hören den Glockenklang und ziehen ihre spitzigen Hüte ab. Ein vorgeneigtes Greisenhaupt und ein nach rückwärts strebender strohlichter Lockenkopf sind es, die im Gehen ihre Morgenandacht verrichten und sich fromm einschließen in des Pfarrers Messe, deren Beginn die Glocke eben verkündet hat. Die beiden Männer haben mit einander eben nichts zu sprechen, und so überläßt sich jeder seinem Gebete. Der Alte ist demüthig, blickt zur Erde, zuweilen auch ein wenig nach rechts und links, denn es verlangt ihn zu wissen, wie die Saaten grünen. Der Kopf mit den Strohlocken richtet seine großen Glotzaugen und seinen halboffenen Mund geradewegs zum Himmel hinauf; da oben fliegen und zwitschern die Meisen und die Amseln, und er, der Strohlockenkopf erwirbt sich durch Vögelfangen sein Kegelschiebgeld und seinen Bruderschaftsbeitrag zum Jünglingsverein.

In solcher Andacht versunken, langten sie endlich oben am Hause an.

Das Haus stand auf freier Höhe und lehnte sich rückwärts an einen sanft abfallenden Tannenwald. Es war weder Stall noch Scheune da; ein kleiner Garten umgab den Bau und gegen die Morgenseite hin blühten Büsche und ragte eine Eiche. Das Haus war in dieser Gegend ganz seltsam: es war weit geschmackvoller als andere Menschenwohnungen der Gegend, und doch wieder viel einfacher als die Landhäuser der Reichen. Es war mit keiner dieser Gattungen vergleichbar. Das Haus ragte hoch, hatte an den Fenstern und Thoren feingeschnitzte Zieraten, nach Art korinthischer Säulen mit schön durchbrochenen Gesimsen. Die Fenster waren schmal und hoch, das Dach aus glatten Schindeln flach und luftig; gegen Mittag hin stand ein erkerartiger Söller hervor, mit festen Seitenwänden wohl verwahrt, mit einem Kranzgesimse in dorischer Form überbaut. Das Haus stand wie ein Tempel.

Wie die beiden Männer bisher ihr Haupt entblößt hielten, so bedeckten sie es jetzt, da sie in diesen Tempel traten.

War aber doch kein Tempel, war theils ein bequem und zweckmäßig eingerichtetes Wohnhaus, theils eine Künstlerwerkstätte.

An den Wänden standen Statuen aus Holz in allen Gestalten und Größen; mitten im Raume ragten Klötze, halbfertige Schnitzwerke, ihrer völligen Vollendung harrend.

An einem solchen Klotz stand der Bildner, ein schier gebeugter, aber doch behendiger Greis mit schneeweißen Locken, starken weißen Augenbrauen und mit frischrothen Wangen. Auf diesem Antlitze hatte der Meißel des Schicksals den Ausdruck stiller Freude und Befriedigung, aber auch den Zug einer schweren Vergangenheit und den ehernen Hauch eines starken selbstbewußten Geistes eingegraben.

Als die beiden Männer aus dem Thale eintraten und einen christlichen Gruß sagten, zog der Bildner sein Käppchen vom Haupte. Aber die Ankömmlinge thaten nicht desgleichen, diese ziehen ihre Hüte nur vor dem lieben Herrgott und vor dem Herrn Pfarrer.

Der Bildner wies ihnen in der Nähe der Wandfiguren Sitzplätze an; das Grauhaupt nahm den seinen sofort in Beschlag, der junge Gelblockenkopf aber stand ganz verlegen und wendete sich und wußte nicht, wo er sein erröthendes Gesicht hinthun sollte.