»Und was sagen denn die anderen, deine Kollegen?«
»Nichts. Die schimpfen nur über das viele Memorieren. Das Memorieren macht mir nichts, aber sonst –. Du mußt dir unser Religionsbuch einmal ansehen, ich hab’s mitgebracht. Ja, und da ist mir halt so kalt geworden und bang. Wie wenn man den Glauben verliert. Und bin ganz krank geworden.«
»Du mein, du mein!« seufzte der Förster. »Das soll ein anderer verstehen. – Und ist dir jetzt auch noch so?«
»Wie ich wieder in unser Hochtal komme, ist mir auf einmal wieder gut gewesen.«
»Über Religionssachen soll man nicht grübeln, mein Kind!«
»Aber im Seminar muß man grübeln, das ist es ja. In dem Buch ist alles so beschrieben und ausgeklügelt und bewiesen, wie eine Mathematik-Aufgabe. Einmal auf dem Spaziergang im Garten habe ich es dem Religionslehrer doch gesagt, da antwortete er: ›Rufmann, denke doch nicht immer, wie Gott ist, denke vielmehr, wie du sein sollst.‹ Das hat mir gefallen. Aber in der Religionsstunde ist immer so viel von den Beweisen Gottes und der Kirche die Rede, und ich weiß nichts damit anzufangen. Je mehr mir Gott bewiesen wird, je fremder wird er. Ich hab’s gar nicht gewußt, daß man an Gott zweifeln kann, und bei diesen Beweisen ist mir der Zweifel erst gekommen. Und habe gesehen, die Kirche ist nur da, um immer zu sagen: Glaube, glaube! Gott ist, erstens weil, und zweitens weil und drittens weil. Und lauter so Gründe, die kein Leben haben. Und denkt man auf einmal: Wenn so viele Beweise und Versicherungen nötig sind, da ist er am Ende gar nicht. Und wenn man alle Tage hört, daß es Millionen und Millionen Ketzer gibt auf der Welt, die nicht an Gott glauben und nicht selig werden können. Und so ohne Liebe von ihnen die Rede ist, und daß man mit ihnen nichts zu tun haben soll. Daß sie wohl auch an ihre Gottheit glauben, die aber alle falsch sind. Und doch auch die Heiden ihren Glauben beweisen und sagen, daß es der einzig richtige wäre. Und haben auch die nicht den rechten Glauben, die sich ganz und strenge ans Evangelium halten, und haben die nicht den rechten Glauben, die in Gottvertrauen und Nächstenliebe und Sittsamkeit und Geduld leben: sie können nicht selig werden, wenn sie nicht auch alles andere glauben und tun, was die römisch-katholische Kirche verlangt. Immer nur diese Kirche und immer nur von dieser Kirche, und alles andere von der ganzen Welt ist nichts, nur diese eine Kirche, die fort und fort sagt: Glaube mir, nur mir, keinem andern und hieße er auch Christus.«
»Jetzt übertreibst du aber doch, Elias!« mahnte der Vater, »wenn du sagst, daß die Kirche wahrer als Christus sein will.«
Da sagte der Student in seiner kranken Erregung: »Wir haben einen Ausspruch lernen müssen, nämlich, daß ein katholischer Priester größer sei als die Heiligen im Himmel, als die Engel, ja als die Mutter Maria, weil der Priester bei der Messe Jesum Christum erschaffen könne, und die Engel können das nicht. Und ist der katholische Priester größer als Jesus Christus selbst, weil der Schöpfer ja über dem Erschaffenen geht – so ungefähr, mir schwindelt alles im Kopf. Solche Sachen! Da muß man ja krank werden.«
Nun schüttelte der Förster gar bedenklich den Kopf, wußte aber nichts anderes zu sagen als: »Das geht vorbei. Elias, das muß vorbeigehen. Du sagst es selber, wie der Religionslehrer gut ist. Halte dich an ihn, nicht ans Buch. Das Buch wird so was Theoretisches sein, wie mein Handbuch der Botanik. Ist notwendig, so ein Leitfaden, aber wenn ich die Forstwirtschaft praktisch darnach einrichten wollte – na, ich danke! Man vergißt ja so bald alles wieder.«
»Und hab’s schon fast vergessen,« sagte Elias. »Jetzt daheim, da ist es ja wieder besser. Wenn man immer so im Wald sein könnte! Da möchte man freilich den Glauben nicht verlieren.«