»Ich halte ihn für einen anständigen Menschen,« sagte Frau Apollonia, »er hat so schön fürlieb genommen mit der Dienstbotenkost. Möcht froh sein, wenn die Dienstleut sich allemal so ein Essen taten gefallen lassen.«
»Weil’s wahr ist, daß unser Herrgott allerhand Kostgeher hat,« sagte der Michel, da gab Frau Apollonia keine Antwort mehr. Sie schlief.
Der Michelwirt aber mußte seinen Tag fortschleppen noch tief in die Nacht hinein. Dieser wich nicht aus dem Kopf. Auch vergangene Tage kamen herbei, wie hungrige Hunde, und fraßen den Schlaf. Dem Michel war eingefallen, wie in Eustachen und Umkreis gar so viele Leute stürben, zumeist Männer in den besten Jahren. Seit einem Jahre der Franz am Brückl an einem Nierenleiden, der Oberhuter am Schlagfluß, der Siedelknecht an Leberentartung, der Schnellheißer und der Schuster-Hans haben auch an den Nieren was gehabt. Dem Fankelknecht ist das Hirn zergangen. Der Dämmerlschneider ist gar ins Wasser gefallen heimwegs in der Nacht. Das alles in kurzer Zeit. In früheren Jahren auch nicht viel anders. Auf dem Kirchhof Hügel an Hügel, eine lange Reihe, Männer und Männer in jungen Jahren. Die Weiber leben länger, die gehen nit so viel ins Wirtshaus! – Und nun kam es ihm vor, wo denn diese Leute ihren Tod geholt haben könnten? Wohl gar in seinem Haus! Wenn er doch recht hätte, dieser Räsonnierer! Wenn’s halt richtig wahr wäre, das mit dem Alkohol! Man hört neuzeit öfter und öfter davon, daß geistige Getränke so schädlich sein sollen. Darum nur recht viel Wasser ins Faß!
Dieser echte Gastwirtsgedanke hätte bei einem andern die grabenden Bedenken ertränkt, der Michel jedoch sah immer noch die Gräberreihe auf dem Kirchhof.
Coelesti benedictione …!
Am nächsten Morgen – viele hundert Kinder hatten tagelang darum gebetet – glasklarer Himmel.
Schon vor Sonnenaufgang hörte Nathan Böhme das Getrappel von der Straße her. Ein Böllerschuß auf der nahen Anhöhe hatte ihn geweckt. Er dachte: Der Kaisertag! Welch krachende Kaisertage hatte er schon erlebt! In Eustachen heißt’s: Der Herrgottstag! Die Straßen und Gassen sind hin und hin so dicht bestanden von grünendem Jungbaumwerk, daß man die Gebäude dahinter kaum sieht und alles in einem Parke zu wandeln glaubt. Die Morgensonne beleuchtet die weißen Wände der gemauerten und die roten der alten hölzernen Häuser, die geschmückt sind mit Ranken. In allen Fenstern stehen Heiligenbilder mit Blumen und Kerzenleuchtern. Die Gassen und Plätze sind belebt von weißgekleideten Mädchen, jungen und alten, die auf bloßem Haupte den Rosmarinkranz tragen. Alles Weibervolk der Gegend, was sich noch mag und will als jungfräulich bekennen, hat heute ins Haar ein grünes Kränzchen geflochten. Am unteren Ende des Dorfes vor der gemauerten Kapelle, die unter den drei Linden steht, versammelt sich das Volk und die Geistlichkeit von Ruppersbach. Und die zwei Glöcklein bimmeln immer, auch jene zu rufen, die noch nicht da sind.
Vom Michelwirtshause ist schon alles fort und das Haustor geschlossen. Die Fenster haben besonders reiche Zier, gestiftet von dem Haustöchterlein Helenerl. Von einem Fenster des oberen Stockwerkes, zwischen Blumen und Lichtern durchguckend, schaute der Fremde herab. Das hat ihm aber Frau Apollonia gesagt, er muß sich so halten, daß er nicht gesehen wird. Sie möchte ungern einen Gast im Hause haben, der nicht an der Fronleichnamsprozession teilnimmt. Freilich war auch sonst noch einer zu Hause geblieben, und zwar der alte Einleger Wenzel, der an dem stundenlangen Marsche dieses Gottesdienstes nicht teilnehmen konnte, weil er fast lahm war. Er sollte auch achtgeben, daß an den Fenstern kein Licht »auf Schaden brenne«. Nun hatte er sich neben dem Fremden eine Bank ans Fenster gerückt, um auch ein wenig mithinausgucken zu können.
»Wenn sie kommen, nachher tun wir eh miteinand einen Rosenkranz beten,« schlug er vor. Aber dazu kam es nicht, abgesehen davon, daß der Frankfurter kaum mithalten hätte können. Vielmehr sie kamen allmählich ins Schwätzen und der verkrüppelte Alte mußte alles erklären, was da war und geschehen sollte.
Böhme hatte sich aus der Reisetasche den Feldstecher geholt und beobachtete mit steigendem Interesse das Leben auf der Straße. Es war so freudig erregt und gehoben, als ob alle Menschenkinder heute Bräutigam und Braut wären.