Auf dem Platze gegenüber dem Fenster stand der Altar mit seinem Quaderntische, seinen Marmorsäulen, seinen goldenen Engeln, seiner alabasternen Marienstatue, mit seinem rotsamtenen Tabernakelbaldachin, seinen bunten Ranken und Rosen und endlich den zwölf silbernen Leuchtern – wie aus der Erde gezaubert. Es war bemaltes Holzwerk, aber so stilvoll ausgeführt, daß Böhme sich an den oft gehörten Ausspruch erinnerte, die Älpler wären geborene Künstler; der kirchliche Kultus fördert in ihnen den Hang zum Schauspiel, zur Musik, besonders aber zur bildenden Kunst. Um diesen Altar war ein Wald von jungen Lärchen, Fichten und Birken, die sich in einem weiten Halbrund um den Platz auseinanderflügelten.
Die Leute verloren sich allmählich vom Altar, und der letzte, der davon ging, zündete die Leuchterkerzen und in der roten Ampel vor dem Tabernakel das »ewige Licht« an.
Es war still geworden, und der Fremde fühlte sich in eine Spannung versetzt, wie einst in seiner Jugend beim Einzuge des Kaisers Wilhelm in Berlin.
Da verkünden plötzlich Böllerschüsse, daß unten an der Kapelle der Gottesdienst begonnen hat und dort das erste Evangelium bereits stattfindet. Über den Hausdächern her klingen die Glöcklein, tönt das Singen und Beten des Volkes. – Es kommt näher. Es kommt immer näher, bis über der grünen Allee das Kreuz auftaucht und die erste Fahne. Eine rote große Kirchenfahne, von Männern auf drei Stangen getragen. Das Bild auf der Fahne stellt die Gestalt des heiligen Rupertus dar, den Patrons der Pfarre. Dieser Fahne folgt eine lange Reihe von Schulknaben zu Paar und Paar, sie beten mit ihren hellen Stimmen den Psalter; dann folgt eine ebenso lange Reihe von Schulmädchen, solchen, die so arm sind, daß sie kein weißes Kleid haben. Aber ein Kränzlein trägt jedes auf dem Haupte. Diese Mädchen singen ein Lied und tragen eine kleine grüne Fahne voraus mit dem Bilde, wie die heilige Mutter Anna ihr Töchterlein Maria das Lesen lehrt. Hieran folgt unter der blauen Fahne des heiligen Eustach die ältere Männerschaft der Pfarre in einem dichten breiten Strom, der die ganze Straße füllt. Sie beten unter gemeinsamer Stimme den Rosenkranz mit dem stets wiederkehrenden Satze: »Gelobt und gebenedeit sei das allerheiligste Sakrament des Altars!« – An den Platz gekommen, stellte sich alles in weiter Runde auf. Nach den Männern kamen die Jünglinge. Diese beteten laut die Litanei vom Herzen Jesu. Ein strammer Bursche trug die weiße Fahne mit dem Bildnisse des heiligen Aloisius voran. Und den Jünglingen folgte die weiße Reihe der kranztragenden Jungfrauen. Vier derselben trugen eine Muttergottesstatue, über die sich zwei gekreuzte Bogen mit roten Rosen spannten. Die Jungfrauen sangen klingend laut das Lied vom Herzen Maria.
Der Einleger machte den Fremden aufmerksam auf ein schlankes Mädchen mit zwei langen Haarzöpfen und der blauen Schleife um den Leib. Das war die Wirtstochter. Sie schaute frisch in die Welt, tat weniger fromm als froh und ihr Singen war bisweilen ein liebliches Jauchzen.
»Wo die sonst das Göscherl nit aufmacht!« murmelte der Alte.
Die Reihe der paarweise gehenden Jungfrauen wollte nicht enden und wollte nicht enden.
Zwischen dem Singen und Beten durch hatte man schon einigemale das klingende Spiel der Musikkapelle gehört. Nun kam sie in Sicht. Die durch zwei Schullehrer geleiteten Musikanten und Spielleute von Ruppersbach und Eustachen zusammen mit Klarinetten, Trompeten, Flügelhörnern, Trommeln, »Bombardon« und Tschinellen. Sie spielten einen lustigen Marsch. All das Beten, Singen, Läuten und Musizieren vermengte sich in der Luft zu einem summenden Getöse, das der Fremde mit dem Worte »Heidenlärm!« bezeichnete.
Den alten Wenzel stieß das Wort, er wollte ihm etwas entgegnen, bewegte schon Lippen und Kiefer, kaute eine Weile an der beabsichtigten Rüge und schluckte sie endlich hinab.
Hinter der Musikkapelle war eine neue Gruppe von Fahnen, glänzenden Stäben und Bildwerken, die in die Luft ragten, sichtbar geworden. Es kamen noch die Honoratioren, die »Fürsteher« der beiden Gemeinden, der Arzt, etliche Beamte und –