»Unser Herr! Dort ist unser Herr!« flüsterte der alte Wenzel erregt. Er hatte den kleinen schwarzen Michelwirt bemerkt, der mit zu Boden gekehrtem Gesicht einherschritt. Der Wirt schien versunken zu sein in das heilige Begängnis.
»Wenn man weiß, wie der immer einmal lustig sein kann!« sagte der Wenzel. »Schauns, jetzt kommen die Blumenmadeln!«
Drei weißgekleidete Mädchen streuten aus Handkörbchen allerhand bunte Blümlein und Rosenblätter auf den Weg. Das Heiligtum war nahe. Über den wogenden Häuptern heran wehten zwei Fähnlein, glänzend in weißer Seide, funkelnd mit ihren goldenen Kreuzen. Auf ihren Tafeln waren zwei rote brennende Herzen, das eine mit der Dornenkrone umwunden, das andere von einem Schwert durchbohrt. Dann kamen vier in der Luft schaukelnde Laternen, dann kamen sechs alte Männer in roten Mänteln, große Windlichter tragend, dann zwei Knaben in weißen Chorhemden, jeder in der Hand ein Metallglöcklein schwingend, so daß das eine mit tieferem, das andere mit höherem Klang abwechselte, dann kamen noch zwei Knaben in weißen Chorhemden, qualmende Weihrauchgefäße schwingend, und nun –
Der Fremde sah, wie sein alter Cicerone still neben ihm niederkniete, das Haupt senkte und betete.
Es kam der auf vier Stangen schwebende Baldachin: er war aus roter Seide, mit vier goldenen Knöpfen über den Stangen und goldenen Quasten ringsum. Darunter schritten in glitzerndem Ornat drei Priester, wovon der mittlere, umfangen vom weißen Seidentuche, die Monstranze hielt, einen goldfunkelnden Stern mit dem weißen Sonnlein im Mittelpunkte – das Allerheiligste. Mit gesenktem Haupte hielt er es hoch vor sich hin, nach oben etwas zurückgeneigt. Dem Priester, so schien es, zitterten vor Andacht die Hände, womit er das Heiligtum trug. Die Priester an beiden Seiten hielten ihre Köpfe in Demut geneigt, die Augen gesenkt, die Hände in Anbetung gefaltet.
Hinter diesem Höhepunkt ein kleiner Abstand. Dann kam die blaue Fahne der Ehefrauen mit dem Bilde des allerseligsten Josef und seiner Ehegattin Maria. Hinter derselben trappelten ohne weitere Ordnung die verheirateten Weiber, die Witwen, die alten Mägde und Mütterlein am Stocke. Diese beschlossen den Zug, dessen Anwandeln nahezu eine halbe Stunde gedauert hatte.
»Man glaubt’s gar nit, wie viel Leut es gibt auf der Welt!« flüsterte der alte Einleger. »Aber jetzt, Herr, jetzt kommt der Segen!«
Nathan Böhme hatte mehrmals Ausrufe des Staunens getan, nun schwieg er und schüttelte den Kopf. Er hätte es nicht geglaubt! Viel hatte er von der katholischen Fronleichnamsprozession gehört, doch daß eine arme Gebirgsgemeinde so etwas zu leisten imstande ist, das war ihm unfaßbar. Entweder es mußte in den Leuten eine abgrundtiefe Frömmigkeit vorhanden sein, die zu so großartiger Gestaltung drängt, oder – gar keine. Alle religiöse Stimmung veräußerlicht, in Kunsttrieb übersetzt – was bleibt übrig drinnen? Auf jeden Fall ist dieser Aufzug merkwürdig. Das Mittelalter zieht mit fliegenden Fahnen durch unsere späte Welt. Wenn so etwas abkäme, es wäre jammerschade. Was Religion! Muß denn im kirchlichen Kultus immer Religion sein? Ist denn nicht auch das Schöne etwas? – So die Gedanken des Fremden. Aber er jagte sie bald davon.
Das Volk mit seinen Fahnen war auf dem Platze zum Stillstand gekommen, ein brodelndes Meer von Menschenhäuptern. Das laute Singen und Beten war verstummt. Die Gruppe des Baldachins mit ihren Fähnlein und Lichtern wendete sich dem Altare zu, wo der goldene Stern, die Monstranze, in das Tabernakel gestellt wurde. Dort an den Leuchtern flackerten alle Kerzen in der sonnigen Mailuft. Die Priester erhoben lateinische Gesänge, die von der Musikkapelle respondiert wurden. Dann las ein Geistlicher in lateinischer Sprache das Evangelium. Über der Menge ein großes Schweigen, von dem Kirchlein her klang die Glocke.
Plötzlich stiegen vor dem Altare Weihrauchwolken auf, daß sie das bunte Bild fast verschleierten. Der Duft kam prickelnd herüber. – Der Priester hob die Monstranze, wendete sich damit gegen das Volk, das niedersank auf die Knie. »Coelesti benedictione …!« Während jedes mit halbgeballten Händen auf die Brust schlug, schwang er das Heiligtum feierlich in Kreuzesform zum Segen. Da klingelten die kleinen Glöcklein und krachten die Böller, daß die Wände schütterten.