Böhmes Aufmerksamkeit war von einem jungen Burschen gefesselt worden. Ein schlanker Junge in dunklem Anzuge stand nahe dem Altare und wendete sein blasses Gesicht unverwandt der Monstranze zu. Anders wie die übrigen stand er da, hielt die Hände gefaltet, halb gehoben in der Luft, und mit einer wundersamen Versunkenheit schaute er auf das Heiligtum. Böhme erinnerte sich an ein altes Gemälde, die Anbetung der Hirten. So wie dort der Jüngling in schwärmerischer Ehrfurcht das Kind in der Krippe anbetet, so dieser Bursche, der jetzt, als die Glöcklein klingelten, niedersank auf beide Knie. Unbeweglich aneinandergelegt die schmalen Hände, das Haupt geneigt, die Augen geschlossen – und an der Wange eine helle Träne …

Als der Segen gegeben war, erhoben sich die Fahnen, bewegte sich die Menge, hub an die Psalter weiter zu beten, die Litaneien zu sprechen, die Lieder zu singen, und der Zug wallte in der Ordnung, wie er gekommen, weiter. Eine Strecke noch die Straße entlang, dann über den Feldweg zu den Häusern an der Ach, wo an einem ähnlichen Altare, wie der vor dem Wirtshause, das dritte Evangelium abgehalten wurde. Das letzte der vier Fronleichnamsevangelien fand ebenso feierlich wie vorher das erste im Lindenschatten statt, nahe der Kapelle. Damit schloß die Prozession und löste sich auf.

Die Ruppersbacher nahmen ihre Fahnen, Laternen und anderen Kirchengeräte unter oder über die Achseln und gingen heim, hochbefriedigt von dem Begängnisse. Die Eustacher spazierten froh erregt durch die Gassen, die so schön glatt getreten waren und auf denen die zertretenen Blumen und Rosenblätter lagen. Die Lichter an den Altären, in den Fenstern wurden ausgelöscht, soweit es nicht schon der Wind getan hatte, die Bildnisse aber blieben den ganzen Tag zur Schau gestellt.

Der alte Einleger Wenzel hatte für seine Auskünfte von dem fremden Gast ein Viertelliterlein Wein verhofft und erschrak, als ihm statt dessen ein silbernes Guldenstück in die Hand gelegt wurde.

»Gnädiger Herr!« fragte der Alte, »ist das alles Trinkgeld?«

»Hol’s der Teufel mit eurem Trinkgeld! Eßgeld ist es. Nähren sollst du dich besser.«

»Im Essen fehlt mir eh nix,« gestand der Einleger bescheidentlich. »Immer einmal ein Tröpfel Wein, das man haben möcht’!«

Was fängt er jetzt an mit dem Gulden, wenn er sich damit nicht immer einmal ein Tröpfel Wein soll kaufen dürfen! – Mit Schwermut betrachtete er das Geldstück, während er draußen im Garten vor der Bienenhütte saß. Er hatte dem Wirt die Bienen zu bewachen, falls sie plötzlich schwärmen sollten und der neue Schwarm etwa davonfliegen möchte auf Nimmerwiedersehen. Zwei Körbe waren dies Jahr noch ausständig. Wenn die Schwärme ausfahren und eingeholt werden, kriegt der Wenzel ein Viertel Wein. Das ist was. Aber was ist ein Silbergulden, den der Mensch nit vertrinken darf!

Mit Schwermut betrachtete der Alte am Nachmittag die kleinen Kranzjungfrauen, die an den Wirtsgartentischen heiter umhergaukelten, Backwerk verzehrten und süßen Wein tranken. Sie waren Gast der Frau Apollonia, die mit solcher Ehrenbewirtung das Freudenfest Fronleichnam würdig zu beschließen pflegte.

Ein Ruf nach Nichtsein