»Ich?« entgegnete der Wirt, »ich sag nit: lustig und kurz, und ich sag nit traurig und lang; ich sag: lustig und lang!«

»Geht, hört mir auf!« knurrte von einem andern der besetzten Tische ein alter Almhirt herüber. »Vom Sterben mag ich nix hören, schon einmal gar nit!« Und er tat aus dem Weinglase einen derben Zug.

»Wie die Leute doch wunderlich sind!« sagte Böhme, »da wollen sie vom Tode nichts hören und laufen ihm auf kürzestem Wege in den Rachen!«

Der Michel hatte sich diesmal keinen Trunk vorsetzen lassen. Doch hielt er mit seiner Meinung so wenig zurück als sonst.

»Wenn schon, dann lustig und lang,« wiederholte er. »Übrigens versteh ich nit, was die Leut so viel Wesens machen mit dem Leben da. Das Leben ist doch nur ein klein bissel was. Wir werden müssen nachher in alle Ewigkeit ohne Leben auskommen und wird auch gehen. Was hat man denn von so etlichen Dutzend Jahren, wo man das Wehtun spürt? Was ist denn das Leben anders, als daß man Wehtun spürt? Und so was soll man sich auf alle Mittel und Weise erhalten wollen? Ich versteh das nit. Ein gutes Glasel Wein und ein kleines Schlagel drein, hat mein Vater gern g’sagt, und ist’s auch wahr worden, ehvor er von Krankheit und Alter was erfahren hat.«

Böhme strich sich ungeduldig übers Haar und rief: »Was solch ein Wirt schlaue Rechtfertigungen findet für seine Gifthütte!«

Jetzt widersprach der Michel nicht, denn insgeheim war es so, er fühlte, daß in ihm ein böses Gewissen zu betäuben war. Geht’s nicht mit Wein, so geht’s mit Worten. Die Worte waren ihm heilig ernst, mit dem Leben meinte er’s wirklich so, daß es nicht der Mühe wert ist. Aber nur, wenn er drüber nachdachte; wenn er bloß so hinlebte von einem guten Tag zum anderen, wie lustig war ihm das Leben!

Nun hatte ihn dieser Fremde doch beunruhigt. Er genoß nicht mehr so kindlich froh, er begann immer mehr und mehr nachzudenken, und jetzt war’s manchmal, als käme die lichte Welt, die durch sein schwarzes Auge einzog, stark verdunkelt in seine Seele.

Einer der Gäste wußte zu erzählen, daß er in Ruppersbach seit zwei Tagen die Pichelbäuerin auf die Gasse heraus schreien höre.

»Mit aufgehobenen Händen schreit sie, daß man sie erlösen soll um Gottes willen von den schreckbaren Schmerzen.«