»Ja, da habt ihr’s,« sagte der Wirt, dem Fremden zugewendet, »die Pichelbäuerin, ein krankes Weib, noch gar nit alt. Ein Gewachs im Bauch. Kann ihr niemand helfen, der Arzt sagt, es kunnt noch Wochen dauern. Und hätt die Mittel und laßt sie leiden. Und sie bittet und weint wie ein kleines Kind: Macht ein End mit mir, ihr lieben Leut! Und das ganze Haus, die ganze Freundschaft betet: Wenn’s nur endlich einmal aus wär, ’s ist nimmer anzuhören, geschweige zu ertragen. Und der Arzt steht da, sieht die schrecklichen Schmerzen, die er noch besser muß kennen als die anderen, und weiß, daß sie so grausam muß vergehen und doch nit kann vergehen. Und hätt was und tut nix. Ich frag: Ist das ein Christenmensch?«

»Aber, mein lieber Herr, das Gesetz!« erinnerte Böhme überlaut, um dieses Gespräch noch weiter zu führen.

Und der Wirt: »Ich pfeif drauf! Was geht den Arzt das Gesetz an, helfen soll er! Die Krankheit soll er heilen, so oder so. Wenn er’s kann und tut’s nit – wahnsinnig kunnt man werden! Mein Lebtag hab ich die Nächstenliebe so aufgefaßt: Was einer ganz und gar nimmer ertragen kann, das muß man ihm abnehmen. Aber diese Leut binden es ihm nur noch fester an, wenn sie können. Wenn ein Armer, den sie haben niedergetreten und verachtet ohne Barmherzigkeit, wenn er nimmer aus und ein weiß und in den Teich geht, hei, da ist das ganze Dorf auf, um ihn zu retten, man wagt für ihn sogar ein bissel Leben, und alles tut groß mit der Nächstenliebe. Und wenn er dann wieder so weit trocken ist, lassen sie ihn langsam verhungern. Und all Schmerz und Pein kümmert sie nit.«

»Wahr ist’s, wahr ist’s,« grollte es durch die Stube.

»Wer ruft denn da: Wahr ist’s?« fragte Böhme hin, »im Ernstfalle macht ihr’s doch alle genau so.«

»Ich nehm mir die Glückseligkeit, wo ich sie find!« rief einer und trank.

Da sagte der Fremde: »Habt ihr denn noch nichts gehört von demselben Mann, der seine Seele dem bösen Geist verschrieben gegen sieben glückselige Jahre? Die hatte der Mann richtig bekommen, und dann hat ihn der Teufel geholt. Der böse Geist Alkohol.«

Doch eben gegen den Preußen ging es, als der Michel in seiner Erregung noch beisetzte: »Ihr alleweil nur: Lang leben, lang leben! O nein, Herr, das Leben grad nur drum ist nicht die Hauptsach. Lustig muß das Leben sein, dann soll’s nur dauern je länger je lieber. Wenn’s aber nit lustig, wenn’s ein Elend ist, nachher –. Ich sag’s, es muß noch ein Werk der Barmherzigen werden: die Unheilbaren erlösen.«

Nathan Böhme blickte dem Michel mit heimlicher Begeisterung ins zuckende Bartgesicht. Das ist ja ein ganz prächtiger Kerl, dieser Wirt! Aber die Stunde war da, in der ein naturgemäßer Mensch zu Bette geht. Er rief die Kellnerin, um seinen Tag zu bezahlen. Die Mariedl nahm die Banknote, gab sie dem Wirt, und dieser schob sie dem Fremden wieder zu über den Tisch her. Es eile nicht, er könne nicht herausgeben.

»Wenn mir,« sagte hierauf Böhme schier betroffen, »wenn mir in Eustachen keiner die Hundertkronennote wechseln könnte! In der Wüste ist schon mancher bei dem Goldklumpen verhungert.«